Wenn Kinder oder Jugendliche einen Unfall mit verschulden

Wenn Kinder oder Jugendliche einen Unfall mit verschulden

 - 

(verpd) Eine Zwölfjährige, die nach dem Aussteigen aus einem Bus unachtsam die Straße überquert und dabei von einem Motorrad überfahren wird, ist trotz ihres Alters überwiegend selbst für die Folgen des Unfalls verantwortlich. Das geht aus einem aktuellen Urteil des Oberlandesgerichts Stuttgart hervor (Az. 13 U 143/16).

Ein zwölfjähriges Mädchen war spätabends von einem Schulausflug zurückgekehrt. Nach dem Aussteigen aus dem Bus, der die Kinder befördert hatte, überquerte sie die Straße, um zu ihrer auf dem gegenüberliegenden Gehweg wartenden Mutter zu gelangen.

Dabei ging sie hinter dem in diesem Augenblick abfahrenden Bus her, durch den sie verdeckt wurde. Ein mit einer Geschwindigkeit von 40 Stundenkilometern herannahender Motorradfahrer hatte daher keine Chance, das Mädchen rechtzeitig wahrzunehmen und überfuhr es.

Wie Sie trotz Niedrigzinsen und Inflation Ihr Geld vermehren können, erläutern Experten in unserem Ratgeber Niedrigzinsen und Inflation: So retten Sie Ihre Ersparnisse.

Kürzung der Ansprüche wegen Mitverschulden

In ihrer gegen den Motorradfahrer eingereichten Schadenersatz- und Schmerzensgeldklage räumte das Mädchen zwar ein eigenes Mitverschulden ein. Das bemaß sie jedoch mit höchstens 50 Prozent. Denn der Unfall sei für den Motorradfahrer nicht unabwendbar gewesen. Außerdem müsse bei der Frage ihres Verschuldensanteils ihr jugendliches Alter berücksichtigt werden. Dem wollte sich das in erster Instanz mit dem Fall befasste Heilbronner Landgericht nicht anschließen. Es ging davon aus, dass der Unfall für den Motorradfahrer unabwendbar war und wies die Klage ab.

Mit ihrer hiergegen beim Stuttgarter Oberlandesgericht eingereichten Berufung errang die jugendliche Klägerin einen Teilerfolg. Nach Ansicht der Richter stehen am öffentlichen Straßenverkehr teilnehmende Kinder zwar unter einem besonderen gesetzlichen Schutz. Jugendliche im Alter zwischen zwölf und 18 Jahren, die bei einem Verkehrsunfall zu Schaden kommen, müssten sich in der Regel jedoch eine Kürzung ihrer Ansprüche gefallen lassen, wenn sie ein Mitverschulden treffe.

Bei der Frage eines Mitverschuldens sei jedoch zu berücksichtigen, dass ein Fehlverhalten im Straßenverkehr insbesondere bei jüngeren Jugendlichen weniger schwer wiegt als bei Erwachsenen. Außerdem habe sich der Führer eines Kraftfahrzeugs gegenüber Kindern durch Verminderung der Fahrgeschwindigkeit und durch Bremsbereitschaft so zu verhalten, dass ihre Gefährdung ausgeschlossen ist. Die Grenze liege bei circa 14 Jahren.

Aktuelle Tipps zum flexiblen Renteneintritt geben Experten in unserem Ratgeber Die Flexi-Rente: Neue Chancen für Rentenversicherte und Rentner.

Kein Anlass zu besonderer Vorsicht

In dem entschiedenen Fall müsse davon ausgegangen werden, dass die Klägerin unter Missachtung ihrer Verpflichtung, eine Fahrbahn nur bei Beachtung des Fahrzeugverkehrs überqueren zu dürfen, die Straße hinter dem Bus betreten hat. Der beklagte Motorradfahrer sei weder zu schnell gefahren noch habe er einen Anlass zu der Annahme gehabt, dass aus dem Bus aussteigende Fahrgäste unbedacht die Straße überqueren würden.

Der Bus sei auch nicht als Schulbus gekennzeichnet gewesen. Es habe sich vielmehr um einen Reisebus gehandelt. An dem Haltepunkt sei außerdem nur ein Junge zusammen mit der Klägerin aus dem Bus ausgestiegen, sodass kein Anlass zur besonderen Vorsicht im Hinblick auf eine größere Anzahl von Kindern bestanden habe.

Die Richter stimmten daher mit der Vorinstanz darin überein, dass dem beklagten Motorradfahrer kein Verschulden an dem Unfall nachgewiesen werden kann. Angesichts der Gesamtumstände hielt es das Gericht gleichwohl für unangemessen, die Betriebsgefahr des Motorrades gänzlich unberücksichtigt zu lassen. Die Richter hielten daher eine Haftungsverteilung von einem Drittel zu zwei Dritteln zulasten der Klägerin für angemessen. Eine Revision gegen seine Entscheidung ließ das Gericht nicht zu.

Wertvolle Expertentipps zur staatlich geförderten Altersvorsorge erhalten Sie in unserem Ratgeber So schließen Sie Ihre Rentenlücke.

Privater Schutz

Wie das Gerichtsurteil zeigt, kann man sich nicht immer darauf verlassen, dass bei einem Verkehrsunfall ein anderer für den dabei erlittenen Schaden aufkommt – selbst wenn der Verunfallte ein Jugendlicher ist.

Auch die gesetzliche Absicherung reicht häufig nicht aus, um beispielsweise die finanziellen Folgen, die eine unfallbedingte Invalidität mit sich bringt, vollständig abzudecken.

Die private Versicherungswirtschaft bietet diesbezüglich zahlreiche Lösungen an, um auch bei dramatischen Unfallfolgen zumindest finanziell abgesichert zu sein. Zu nennen sind hier unter anderem eine private Unfall-, aber auch eine Erwerbsunfähigkeits-Versicherung, die bereits für Kinder sinnvoll sind.

Die wichtigsten Fragen zum Thema "Pflege" beantworten Experten in unserem Ratgeber Der Pflegefall droht: Entscheidungen treffen, Vermögen schützen und Ansprüche durchsetzen.

Weitere News zum Thema

  • Wegeunfälle: Berufsanfänger sind oft besonders gefährdet

    [] Unkonzentriertheit oder Ablenkung: Das sind die beiden Hauptgründe, weshalb fast jeder dritte Berufseinsteiger auf seinem Weg zur Arbeit bereits einmal in eine gefährliche Situation geraten ist. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV), die junge Menschen zum Thema Wegeunfälle befragt hat. Berufseinsteiger seien zudem zu schnell im Straßenverkehr. mehr

  • Tipps für eine unfallfreie Bergwanderung

    [] (verpd) Ist sonniges Wetter in den Bergen angesagt, entscheiden sich viele kurzentschlossen zu einer Bergwanderung. Doch ohne eine ausreichende Planung bezüglich der Ausrüstung sowie der Wahl der Wanderwege, und ohne der erforderlichen Vor- und Umsicht in den Bergen, kann der Ausflug schnell zum Drama werden. Experten erklären, worauf beim Bergwandern zu achten ist. mehr

  • Sicher mobil – auch im Alter

    [] (verpd) Jahrzehntelange Fahrerfahrung zahlt sich aus, dennoch gibt es immer wieder auch dramatische Unfälle durch ältere Autofahrer. Jeder Einzelne kann jedoch durch eine entsprechende Kontrolle und Präventionsmaßnahmen etwas dafür tun, um auch im Seniorenalter sicher Auto zu fahren. mehr

  • Wenn der Arbeitnehmer im Homeoffice verunfallt

    [] (verpd) Wer als Angestellter nicht zum Arbeiten in die Firma seines Arbeitgebers geht, sondern seinen Arbeitsplatz zu Hause hat, ist normalerweise auch bei einem Arbeitsunfall gesetzlich unfallversichert. Doch die Abgrenzung, welcher Unfall im Homeoffice als Arbeitsunfall gilt, für den die gesetzliche Unfallversicherung Schutz bietet, und welcher Unfall als Freizeitunfall einzustufen ist, für den kein gesetzlicher Unfallschutz besteht, ist oft schwierig. mehr

  • Der Tanzpartner als Unfallrisiko

    [] (verpd) Wer beim Tanzen das Gleichgewicht verliert und stürzt, kann für die Folgen des Sturzes in der Regel nicht seinen Tanzpartner zur Verantwortung ziehen. Das geht aus einem kürzlich vom Oberlandesgericht Frankfurt veröffentlichten Hinweisbeschluss hervor (Az. 13 U 222/16). mehr

Weitere News zum Thema

schließen

Link empfehlen

Mit der Inanspruchnahme des Services willigen Sie in folgende Vorgehensweise ein:

Ihre eigene E-Mail-Adresse und die des Empfängers werden nur zu Übertragungszwecken verwendet - um den Adressaten über den Absender zu informieren, bzw. bei einem Übertragungsfehler eine Benachrichtigung zu übermitteln. Um einen Missbrauch dieses Services zu vermeiden, wird Geldtipps.de die Identifikationsdaten (IP-Adresse) jedes Nutzers der versandten E-Mail in Form eines E-Mail-Header-Record (X-Sent-by-IP) beifügen und für einen Zeitraum von zwei Monaten speichern. Sofern Dritte glaubhaft machen, dass sie durch die Versendung eines Artikels im Rahmen dieses Services in ihren Rechten verletzt wurden, wird Geldtipps.de die Identifikationsdaten zur Rechtsverfolgung herausgeben.