Folgenreiche Abkühlung vom heißen Arbeitsplatz

 - 

(verpd) Wer für kurze Zeit seinen Arbeitsplatz verlässt, um der dort herrschenden Hitze zu entfliehen und ein wenig Luft zu schnappen, steht unter dem Schutz der gesetzlichen Unfallversicherung. Das hat das Sozialgericht Heilbronn entschieden (Az. S 13 U 1513/11).

Ein Mann arbeitete an einem Montageband, als die Innenraumtemperatur an einem Sommertag auf 30 Grad Celsius stieg. Er nutzte einen mehrminütigen Leerlauf des Bandes, um kurz vor die Tür zu gehen, Luft zu schnappen und dabei ein Eis zu essen, welches er sich von einem 20 Meter von der Montagehalle entfernten Kiosk holte.

Als er das Eis im Schatten unmittelbar vor einer Hallentür des Unternehmens verzehrte, wurde diese unerwartet geöffnet. Die Tür traf seine linke Ferse. Dadurch wurde der Arbeitnehmer so unglücklich verletzt, dass er zweimal operiert werden musste und nicht mehr an seinen Arbeitsplatz zurückkehren konnte.

Kein Arbeitsunfall?

Den Antrag des Verletzten, den Unfall als Arbeitsunfall anzuerkennen, lehnte die Berufsgenossenschaft ab. Das begründete der gesetzliche Unfallversicherungs-Träger damit, dass das Luftschnappen vor der heißen Halle den nicht versicherten, privaten Verrichtungen des Mannes zuzuordnen sei.

Auch das Eisessen habe nicht dazu gedient, seine Arbeitskraft zu erhalten, zumal sich der Unfall knapp eine Stunde nach der Mittagspause ereignet habe und der Arbeitnehmer sich mit kostenlosen Getränken auch an seinem Arbeitsplatz hätte erfrischen können.

Doch dem wollten sich die Richter des Heilbronner Sozialgerichts nicht anschließen. Sie gaben der Klage des Verletzten auf Anerkennung des Zwischenfalls als Berufsunfall statt.

Eine Frage des Motivs

Nach Ansicht des Gerichts ist es zwar richtig, dass der Kläger erst eine Stunde vor seinem Unfall Mittagspause gehabt hatte und daher keine Notwendigkeit für eine Stärkung durch ein Eis bestand.

Die Richter zeigten sich nach dem Ergebnis der Beweisaufnahme jedoch überzeugt davon, dass der Mann seinen Arbeitsplatz nicht vorwiegend verlassen hatte, um sich ein Eis zu holen, sondern vor allem, um der in der Halle herrschenden Hitze zu entfliehen und während des Leerlaufs des Montagebandes ein wenig Luft zu schnappen. Das aber hielten die Richter für legitim. Denn nach ihrer Einschätzung wäre es dem Kläger andernfalls kaum möglich gewesen, seine schwere körperliche Arbeit bis zum Schichtende durchzuhalten.

Die Berufsgenossenschaft hat den Unfall daher als Arbeitsunfall anzuerkennen. Übrigens: Bei Streitigkeiten mit der Berufsgenossenschaft hilft auch eine private Rechtsschutz-Police weiter. Sie übernimmt beispielsweise die Rechtsanwaltskosten und eventuell anfallende Gerichts- und Sachverständigenkosten. Wichtig ist, dass der Versicherte die Leistungszusage vom Versicherer bereits beim ersten Gang zum Anwalt einholt.

Weitere News zum Thema

  • Tipps für eine unfallfreie Bergwanderung

    [] (verpd) Ist sonniges Wetter in den Bergen angesagt, entscheiden sich viele kurzentschlossen zu einer Bergwanderung. Doch ohne eine ausreichende Planung bezüglich der Ausrüstung sowie der Wahl der Wanderwege, und ohne der erforderlichen Vor- und Umsicht in den Bergen, kann der Ausflug schnell zum Drama werden. Experten erklären, worauf beim Bergwandern zu achten ist. mehr

  • Sicher mobil – auch im Alter

    [] (verpd) Jahrzehntelange Fahrerfahrung zahlt sich aus, dennoch gibt es immer wieder auch dramatische Unfälle durch ältere Autofahrer. Jeder Einzelne kann jedoch durch eine entsprechende Kontrolle und Präventionsmaßnahmen etwas dafür tun, um auch im Seniorenalter sicher Auto zu fahren. mehr

  • Der Tanzpartner als Unfallrisiko

    [] (verpd) Wer beim Tanzen das Gleichgewicht verliert und stürzt, kann für die Folgen des Sturzes in der Regel nicht seinen Tanzpartner zur Verantwortung ziehen. Das geht aus einem kürzlich vom Oberlandesgericht Frankfurt veröffentlichten Hinweisbeschluss hervor (Az. 13 U 222/16). mehr

  • Wenn der Arbeitnehmer im Homeoffice verunfallt

    [] (verpd) Wer als Angestellter nicht zum Arbeiten in die Firma seines Arbeitgebers geht, sondern seinen Arbeitsplatz zu Hause hat, ist normalerweise auch bei einem Arbeitsunfall gesetzlich unfallversichert. Doch die Abgrenzung, welcher Unfall im Homeoffice als Arbeitsunfall gilt, für den die gesetzliche Unfallversicherung Schutz bietet, und welcher Unfall als Freizeitunfall einzustufen ist, für den kein gesetzlicher Unfallschutz besteht, ist oft schwierig. mehr

  • Inwieweit Hunger den gesetzlichen Unfallschutz kosten kann

    [] (verpd) Unterbricht ein Beschäftigter seinen unmittelbaren Weg zu seiner Arbeit, um in einer Bäckerei sein Frühstück zu besorgen, und kommt auf dem Rückweg zu seinem Auto zu Schaden, so hat er keinen Anspruch auf Leistungen durch die Berufsgenossenschaft. Das hat das Bundessozialgericht vor Kurzem entschieden (Az. B 2 U 1/16 R). mehr

Weitere News zum Thema

schließen

Link empfehlen

Mit der Inanspruchnahme des Services willigen Sie in folgende Vorgehensweise ein:

Ihre eigene E-Mail-Adresse und die des Empfängers werden nur zu Übertragungszwecken verwendet - um den Adressaten über den Absender zu informieren, bzw. bei einem Übertragungsfehler eine Benachrichtigung zu übermitteln. Um einen Missbrauch dieses Services zu vermeiden, wird Geldtipps.de die Identifikationsdaten (IP-Adresse) jedes Nutzers der versandten E-Mail in Form eines E-Mail-Header-Record (X-Sent-by-IP) beifügen und für einen Zeitraum von zwei Monaten speichern. Sofern Dritte glaubhaft machen, dass sie durch die Versendung eines Artikels im Rahmen dieses Services in ihren Rechten verletzt wurden, wird Geldtipps.de die Identifikationsdaten zur Rechtsverfolgung herausgeben.