Arbeitsunfall oder degenerative Vorschäden?

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(verpd) Bei der Bewertung von Aussagen zum Unfallhergang im Rahmen der Anerkennung als Arbeitsunfall ist der objektive Beweiswert entscheidend, nicht der Zeitpunkt, zu dem sie gemacht wurden.

Liegen degenerative Erkrankungen vor, müssen sie so gravierend sein, dass dadurch Beschwerden auch ohne akute Erscheinungen ausgelöst worden wären. Dies ist die Aussage eines Urteils der 2. Kammer des Sozialgerichts Lüneburg (Az. S 2 U 127/11).

Das Sozialgericht Lüneburg musste darüber entscheiden, ob ein Unfall, den ein Lkw-Fahrer während der Arbeit erlitten hatte, wirklich als Arbeitsunfall zu werten war. Dies wurde dadurch erschwert, dass es unterschiedliche Darstellungen zum Unfallhergang gab. Während der Durchgangsarzt, den der verunfallte Arbeitnehmer zuerst aufsuchte, nur plötzliche auftretende Schmerzen beim Nachziehen der Radschrauben vermerkt hatte, wurden die nachfolgend erstellten Gutachten wesentlich ausführlicher.

Erst im letzten Gutachten und in der mündlichen Verhandlung wurde detailliert geschildert, dass der Mann für das Anziehen der Radschrauben auf dem Kreuzschlüssel gestanden habe und abgerutscht sei. Dabei habe er sich mit der rechten Hand am Lkw festgehalten und einen heftig einschießenden Schmerz im rechten Schultergelenk verspürt. Dies sei die Folge einer teilweisen Sehnenruptur. Trotz einer auf 40 Prozent reduzierten Belastbarkeit arbeitete der Lkw-Fahrer bis zur Operation zwei Monate später noch weiter.

Kein Zusammenhang

Mehrere Ärzte begutachteten den Fall und kamen zu unterschiedlichen Ergebnissen, ob die Schulterbeschwerden und die Notwendigkeit einer Operation Folge des Unfalls waren oder in erster Linie auf festgestellte degenerative Veränderungen zurückzuführen seien. Der gesetzliche Unfallversicherungs-Träger folgte der Stellungnahme des Beratungsarztes, dass kein Zusammenhang zwischen den Schulterbeschwerden und dem Ereignis zu erkennen sei und lehnte die Anerkennung als Arbeitsunfall ab.

Dagegen legte der Lkw-Fahrer Klage vor dem Sozialgericht Lüneburg ein. Das Gericht stellte fest, dass sich die unterschiedlichen Beschreibungen des Unfallhergangs in den einzelnen Gutachten im Kern nicht widersprechen würden. Vor allem das erste Gutachten sei sicher der Situation geschuldet, dass in der Arztpraxis der Fokus auf der Behandlung gelegen habe.

Weder das Sozialgesetz noch die Zivilprozessordnung würden eine Beweisregel in dem Sinne kennen, dass frühere Aussagen oder Angaben grundsätzlich einen höheren Beweiswert hätten als spätere. Deshalb folgten die Richter den Angaben, die der Kläger in der mündlichen Verhandlung gemacht hatte.

Krankhafte Anlage allein reicht nicht aus

Auch die festgestellte degenerative Anlage schließe nicht aus, dass der Unfall die hauptsächliche Ursache für den Schaden war. Ein arbeitsunfallbedingter Gesundheitsschaden sei nur dann nicht anzunehmen, wenn die Krankheitsanlage so stark ausgeprägt ist, dass akute Erscheinungen auch ohne äußere Einwirkungen oder durch jedes andere alltäglich vorkommende Ereignis ausgelöst worden wären. Im vorliegenden Fall könne nicht festgestellt werden, dass ein derartig ausgeprägter Vorschaden vorliege. Deshalb sei der Unfall als Arbeitsunfall anzuerkennen.

Wie der Fall zeigt, wird ein Arbeitsunfall von der gesetzlichen Unfallversicherung nicht immer sofort als solcher anerkannt. Manchmal muss der Verunfallte auch vor Gericht ziehen, um sein Recht zu bekommen. Bei Streitigkeiten mit der Berufsgenossenschaft hilft eine private Rechtsschutz-Police weiter. Sie übernimmt beispielsweise die Rechtsanwaltskosten sowie eventuell anfallende Sachverständigenkosten. Wichtig ist, dass der Versicherte die Leistungszusage vom Versicherer bereits beim ersten Gang zum Anwalt einholt.

Doch selbst wenn eine Anerkennung erfolgt, muss man mit Einbußen im Vergleich zum bisherigen Einkommen rechnen. Die private Versicherungswirtschaft bietet Lösungen an, um sowohl einen fehlenden gesetzlichen Versicherungsschutz als auch die eventuell durch Unfall oder Krankheit auftretenden Einkommenslücken abzusichern. Zu nennen sind hier eine private Unfall-, eine Erwerbs- oder Berufsunfähigkeits- oder auch eine Krankentagegeld-Versicherung.

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