Datenschutz gefährdet: Versicherte sind gläserne Kunden

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Die in Deutschland tätigen Versicherer tauschen untereinander persönliche Daten ihrer Kunden aus. Angeblich um Versicherungsbetrug zu bekämpfen. In Wirklichkeit jedoch sortieren die Unternehmen gute Kunden und schlechte.

Wenn die Deutsche Telekom Daten ihrer Kunden nicht vertraulich behandelt, selbst wenn es ungewollt geschieht, gibt es in Deutschland eine Flut von Klagen und Vorwürfen. Die Medien lehnen sich auf, Datenschutzbeauftragte fordern neue Sicherheitsmaßnahmen und sogar strengere Gesetze. Wenn die deutsche Versicherungsbranche wissentlich Daten ihrer Kunden an Wettbewerber weitergibt, passiert gar nichts. Vielleicht, weil das schon seit 1993 so ist. Dabei werden hier weit empfindlichere Daten ausgetauscht als nur Adressen und Telefonnummern. Hier können sich Versicherer informieren, ob ein Antragsteller körperliche Schäden hat oder schon vor Gericht stand.

Geheime Datenbank

"Hinweis- und Informationssystem der Versicherungswirtschaft" – kurz HIS –, so heißt die geheime Datenbank der Versicherer über ihre Kunden. Geheim deswegen, weil die Kunden nicht wissen, ob es Einträge über sie gibt oder nicht. Geheim auch deswegen, weil die meisten Kunden nicht einmal wissen, dass die Versicherer, die Mitglied im Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft e. V. (GDV) sind, ihre persönlichen Daten untereinander austauschen. Und geheim auch deswegen, weil die Versicherungsbranche sich in Schweigen hüllt, wenn das Thema angesprochen wird.
Kunden werden sortiert

Ziel: Betrug aufdecken

Die Datenbank, auch Wagnisdatei oder "UniWagnis" genannt, wurde 1993 von den Versicherern aufgebaut, um Betrüger erkennen zu können und ihnen Versicherungen zu verweigern. Sie enthält heute mehr als 10 Millionen Datensätze. Anders als bei der Schufa, der Datenauskunft der Kreditwirtschaft, funktioniert das System der Versicherer über einen Umweg, bei dem die persönlichen Daten verschlüsselt werden. Die Branche will damit dem Datenschutz gerecht werden. Die Versicherer speisen Daten ihrer Kunden in ein eigenes System. Sie werden dann nach einem sogenannten Strukturcodeverfahren verschlüsselt, beim GDV gesammelt und sortiert nach Versicherungssparten auf Anfrage an andere Anbieter herausgegeben.

Nebenwirkung: Selektion

Doch längst sind nicht nur Daten von Versicherten enthalten, die unter Betrugsverdacht stehen. Vielmehr nutzen die Versicherer ihre Datenbank dazu, gute Kunden von schlechten zu unterscheiden. Gute Kunden haben wenige Risiken für die Versicherer, etwa in der Vergangenheit wenige Autounfälle oder keine Vorerkrankungen, die womöglich zu einer Berufsunfähigkeit führen können. Haben Sie jedoch hohe Risiken, werden Anträge oftmals abgelehnt und die Versicherer verweigern den Versicherungsschutz. Das kann zum Beispiel der Fall sein, wenn ein Antragsteller einer Berufsunfähigkeitsversicherung angibt, er hatte in früheren Jahren ein Rückenleiden. Der Versicherer, der den Antrag erhält, lehnt aufgrund des hohen Risikos ab. Mit einem Eintrag in UniWagnis warnt er nun quasi alle anderen Versicherer vor diesem Kunden. Auch wer seine Versicherung schon mehrfach in Anspruch genommen hat, landet im Frühwarnsystem vor mutmaßlichen Betrügern.

Rasterfahndung mit zweifelhaftem Erfolg

Bei dieser Art Rasterfahndung gehen auch einige Versicherte ins Netz, die dort nichts zu suchen haben. Wer z. B. von einem streitlustigen Nachbarn immer wieder mit Klagen überzogen wird, kann von seinem Rechtsschutzversicherer als Prozesshansel gemeldet werden. Dabei kann der Versicherte sich gar nicht vor den Klagen schützen. Im schlimmsten Fall fliegt er dann nicht nur aus der bestehenden Rechtsschutzversicherung, sondern könnte auch Probleme beim Abschluss eines neuen Vertrags bekommen. Denn kein Versicherer wird einem über UniWagnis identifizierten Prozesshansel einen Vertrag geben.

Autofahrer am häufigsten unter Betrugsverdacht


Für Verbraucher hat ein Eintrag in HIS manchmal schwerwiegende Folgen. Wer mit einem negativen Eintrag gespeichert ist, bekommt unter Umständen gar keinen Versicherungsschutz oder erhält ihn nur zu deutlich schlechteren Bedingungen. Rund 1,8 Millionen Einträge machen die Versicherer pro Jahr über ihre Kunden. Das System wird in den Versicherungssparten Kraftfahrt, Unfall, Rechtsschutz, Sachversicherung, Lebensversicherung, Haftpflicht und Transportversicherung angewendet. Autofahrer bekommen die meisten Einträge, rund eine Million pro Jahr. Bei Berufsunfähigkeits- und Lebensversicherungen gingen jährlich rund 750.000 Hinweise an den GDV, ist vom Verband zu erfahren. Fünf Jahre lang bleiben Einträge über auffällig gewordene Kunden im System, danach müssen sie entfernt werden. Ob das tatsächlich geschieht, wird von Kritikern bezweifelt. Schließlich werden die Versicherer beim Informationsaustausch kaum überwacht.

Einwilligungsklausel in jeder Police

Datenschützer hadern schon lange mit HIS. Zum einen ist es für Versicherte nicht nachvollziehbar, ob und wenn nach welchen Kriterien sie dort aufgenommen werden. Zum anderen haben Kunden und Datenschützer bisher kaum eine Möglichkeit, die entsprechenden Informationen einzusehen. Die meisten Kunden ahnen gar nichts vom Datenaustausch der Versicherer. Denn die Einwilligung, dass ihre Daten an andere Versicherer weitergegeben werden dürfen, steht im Kleingedruckten. Das lesen die meisten Versicherten nicht, weil die meisten Formulierungen ohnehin nicht verständlich und womöglich eher der Verwirrung dienen. Wer also eine Versicherung abschließt, unterschreibt (oft ohne das zu wissen) eine Einwilligungsklausel zur Datenerhebung, die sogar mit den Datenschutz-Aufsichtsbehörden abgestimmt worden ist. Und selbst wenn er sich dessen bewusst ist, macht er sich meist keine Gedanken darüber, was mit den Daten passiert. Er hat ohnehin keine Möglichkeit, den Datenaustausch zu untersagen. Denn die Klausel steht in jeder Police. Kein Unternehmen verzichtet auf den Datenaustausch – abgesehen von den Krankenversicherern.

Versicherungstipp
Erkundigen Sie sich bei Ihrem Versicherer, ob es Einträge über Sie gibt und was sie beinhalten. Laut Datenschutzgesetz sind die Versicherer zur Auskunft verpflichtet. Falls Daten nicht korrekt sind, müssen sie diese auch berichtigen. Jeder Kunde hat das Recht, seine Daten löschen zu lassen.

Erfolge der Datenschützer

Immerhin haben die Datenschützer im Streit um UniWagnis einen kleinen Erfolg zu verbuchen. Seit mehr als zwei Jahren bemühen sich Datenschützer, das völlig undurchsichtige Datensammelsystem transparent zu machen. Der GDV und der Verbund von Datenschutzbeauftragten der Wirtschaft namens Düsseldorfer Kreis verhandeln derzeit über ein neues Konzept. Es sieht eine neue Zentraldatei vor, in der Daten längstens drei Jahre lang gespeichert werden dürfen. Zwischen den Versicherungen soll es keinen direkten Austausch mehr geben können. Wichtigste Neuerung jedoch ist, dass jeder Kunde problemlos erfahren können soll, was über ihn gespeichert ist und woher die Daten kommen. Am liebsten wäre den Datenschützern, die Versicherungen verpflichteten sich, automatisch jeden zu benachrichtigen, der in HIS auftaucht. Anfang 2009 soll es eine Einigung zugunsten der Versicherten geben. Allerdings müssen Betrüger auch in Zukunft auf der Hut sein: Die Versicherer werden nicht ruhen, Versicherungsbetrug, der Jahr für Jahr Schäden von rund 4 Mrd. Euro verursacht, zu bekämpfen. Auch im Interesse aller Versicherten, die über ihre Beiträge die Betrugsfälle finanzieren müssen.

Bei der Versicherung nachfragen

Ob Sie in der Zentraldatei gespeichert sind, erfahren Sie nur von der Gesellschaft, die den Eintrag veranlasst hat. Das kann Ihr aktueller Versicherer sein, der Vorversicherer oder ein Versicherer, bei dem Sie einen Antrag gestellt haben. Die Gesellschaft muss Ihnen nach § 34 Bundesdatenschutzgesetz sagen, welche Daten sie über Sie speichert.

Datenschutzbeauftragte informieren

Wenn Ihr Versicherer oder die Gesellschaft, bei der Sie einen Antrag gestellt haben, mauert, schreiben Sie an Ihren Landesdatenschutzbeauftragten. Er fordert vom Unternehmen eine Stellungnahme. Adressen finden Sie unter www.datenschutz-berlin.de.

Bei der BaFin beschweren

Verstößt Ihr Versicherer gegen Gesetze oder hält Vertragsabsprachen nicht ein, schreiben Sie an die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (www.bafin.de). Diese prüft den Fall und verfolgt ihn, wenn der Versicherer falsch gehandelt hat.

Machen Sie nur die absolut erforderlichen Angaben

Offenheit kann bei Versicherungen zum Verhängnis werden. Geben Sie im Versicherungsantrag nicht mehr Auskünfte, als wirklich nötig sind. Wenn Sie mehr verraten, kann sich das negativ auf die Konditionen auswirken. Wichtig ist jedoch, dass alle geforderten Angaben richtig und vollständig sind, sonst kann der Versicherer im schlimmsten Fall die Leistung verweigern.

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