Gefährdet die Niedrigzinspolitik den Garantiezins der Lebensversicherungen?

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Wegen der niedrigen Zinsen auf Staatsanleihen geraten Deutschlands Lebensversicherer in Bedrängnis. Den Kunden müssen sie in der Spitze 4 %, im Durchschnitt deutlich über 3 % Garantiezinsen jährlich auf das Sparkapital zahlen, doch für ihr eigenes Geld erhalten sie derzeit beim Kauf von sicheren Anleihen – einem der bevorzugten Investments – nur Mini-Renditen.

Schuld ist die Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB), die mit billigem Geld die Staatsschuldenkrise zu entschärfen sucht. Der Leitzins liegt derzeit nur bei 0,75 %, deutsche Bundesanleihen mit zehn Jahren Laufzeit werfen gerade einmal 1,3 % jährlich ab. Zwar wurde der Garantiezins schon auf 1,75 % gesenkt. Doch ist nach Berichten aus dem Finanzministerium langfristig jeder fünfte Anbieter gefährdet. Angeblich erwägen deshalb einige Finanzpolitiker, den Garantiezins weiter zu senken oder sogar ganz auszusetzen. Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) betont dagegen, die Behauptung, immer mehr Lebensversicherer könnten den Garantiezins nicht mehr in voller Höhe zahlen, sei falsch.

Tatsache ist, dass gute und vor allem kapitalstarke Versicherer längst den klassischen Anlagemix von Anleihen, Immobilien und Aktien um andere, alternative Kapitalanlagen ergänzen. Investitionen in erneuerbare Energien (z.B. Windparks) oder Infrastrukturvorhaben werfen langfristig planbare Renditen von 7 % p.a. und mehr ab und sichern so die Garantieversprechen.

Tatsache ist aber auch, dass die Niedrigzinspolitik dazu beiträgt, dass sich in den letzten Jahren zunehmend die Spreu vom Weizen trennt und die Schwächen mancher Gesellschaften – hohe Vertriebs- und Verwaltungskosten, hohe Stornoraten, niedrige Kapitalerträge – immer deutlicher zutage treten. Und ganz offensichtlich versuchen einige Gesellschaften das Problem zu lösen, indem sie den Umstieg von Lebensversicherungen mit hohem Garantiezins oder langer Laufzeit auf neue Verträge, z.B. mit gesplitteten Zinsmodellen (Garantiezins wird beispielsweise in 10 Jahren neu festgelegt), bieten oder Kunden zum Wechsel der Produktform animieren, z.B. Tausch einer Lebensversicherung in eine Unfallversicherung.

Die beschriebenen Probleme sind ein Risiko für die Besitzer der Lebensversicherungen. Dennoch sollten Policeninhaber nicht übereilt reagieren. Laut dem Finanzministerium sinkt spätestens ab 2018 bei einer signifikanten Anzahl von Unternehmen die Risikotragfähigkeit. Abgesehen von alternativen Anlagen gibt es also einen Zeitpuffer, da die Gesellschaften aus Vorkrisenzeiten noch über mehr oder weniger große Wertpapierbestände mit relativ hohen Zinskupons verfügen. Diese Rendite-Bringer erreichen nach und nach das Laufzeitende und müssen dann durch Papiere mit Mini-Zinsen ersetzt werden. Der Effekt: Im Jahr 2000 erzielten die Versicherungen mit ihren Kapitalanlagen jährlich noch 7,5 % Rendite, 2011 waren es nur noch 3,9 %. Tendenz weiter abwärts.

Wenn Ihre Lebensversicherung deutlich vor 2018 fällig wird, dürfte die Crash-Gefahr sehr gering sein. Wer Verträge hat, die länger laufen, sollte prüfen, wie solide der Versicherer ist. Ob es sinnvoll ist, die Versicherung vorzeitig zu kündigen oder den Beitrag auf Null zu setzen (Beitragsfreistellung), hängt jeweils vom Einzelfall ab und lässt sich nicht pauschal beantworten. Höchstes Misstrauen ist jedoch angebracht, wenn Ihr Versicherer den Umstieg auf eine bessere Anlagemöglichkeit empfiehlt. Denn hier riskiert der Kunde gleich mehrere Nachteile: Eine Kündigung ist mit Stornokosten verbunden, oft sogar mit Verlust des Schlussgewinnanteils. Für den neuen Vertrag fallen neue Abschlusskosten an. Die Garantieverzinsung ist regelmäßig schlechter und u.U. geht auch noch bei vor 2005 abgeschlossenen Verträgen die Steuerfreiheit verloren.

Klar ist aber auch: In Notsituationen können die Versicherer ihre Kapitalzahlungen teilweise oder ganz einstellen. Denn bei Insolvenz eines Unternehmens kann die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) die Garantiezinsen bei den Lebensversicherungen aussetzen und auch weitere Zahlungsverbote verfügen. Einzelheiten regelt u.a. der sehr weitgehende § 89 Versicherungsaufsichtsgesetz (VAG).

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