Auch Selbstständige können sich gesetzlich rentenversichern

 - 

Für den Schritt in die berufliche Selbstständigkeit gibt es gute Gründe: bessere Verdienstmöglichkeiten, mehr Unabhängigkeit und Möglichkeiten zur Selbstverwirklichung oder aber auch drohende Arbeitslosigkeit. Doch wie sieht es mit der finanziellen Absicherung des Ruhestands aus, wenn die Rentenversicherungspflicht entfällt, sofern vorher ein rentenversicherungspflichtiges Arbeitsverhältnis bestand?

Viele (zukünftige) Selbstständige meinen, sie könnten ihre Altersvorsorge frei gestalten. Das stimmt im Prinzip, wenn die Art der Selbständigkeit nicht in den „Katalog“ des Sozialgesetzbuches VI (= gesetzliche Rentenversicherung) fällt. Bestimmte Selbständige, namentlich
  • Lehrer und Erzieher (hierzu gehört – auch ohne jedes Studium – jede Art der Wissensweitergabe oder erzieherischen Einflussnahme z. B. als Ski-Lehrer, Leiter eines VHS-Kurses oder als Tagesmutter) ohne Arbeitnehmer
  • Pflegepersonen (nicht verwechseln mit der ehrenamtlichen häuslichen Pflege) ohne Arbeitnehmer
  • Hebammen und Entbindungspfleger
  • Seelotsen mit max. vier Arbeitnehmern
  • Künstler und Publizisten
  • Hausgewerbetreibende
  • Küstenschiffer und Küstenfischer
  • Handwerksmeister u.ä.
  • Personen mit einem Auftraggeber („Scheinselbständige“)
  • Ich-AG
werden auch gegen ihren Willen rentenversicherungspflichtig.

Für die Gruppe der Lehrer und Erzieher, Pflegepersonen und Seelotsen gilt: Beschäftigen Sie im Zusammenhang mit Ihrer Selbständigkeit einen (Seelotsen: vier) versicherungspflichtigen Arbeitnehmer, so endet Ihre Versicherungspflicht.

Tipp
Mehrere geringfügig beschäftigte Arbeitnehmer auf 400-Euro-Basis gelten als ein versicherungspflichtiger Arbeitnehmer, wenn sie in der Lohnsumme einem versicherungspflichtigen Arbeitnehmer (= mehr als 400 Euro) vergleichbar sind. Sie können also beispielsweise statt einer Bürohilfskraft für 1000 Euro brutto, eine Putzfrau für 200 Euro brutto und zwei Schreibkräfte für je 110 Euro brutto beschäftigen.

Selbständige Handwerker können sich auf Antrag von der Versicherungspflicht befreien lassen, wenn für sie mindestens 18 Jahre (= 216 Kalendermonate) mit Pflichtbeiträge gezahlt worden sind. Über die Befreiungsmöglichkeit erhalten sie nach dem 213. Kalendermonat automatisch ein Informationsschreiben von der Deutschen Rentenversicherung. Diese Befreiungsmöglichkeit birgt aber auch Risiken: Der Versicherungsschutz im Fall der Erwerbsminderung kann verloren gehen!

Wenn Sie nicht versicherungspflichtig (mehr) sind oder als Handwerker oder als „Scheinselbständiger“ sich von der Versicherungspflicht befreien lassen können, sollten Sie überdenken, welche drei Möglichkeiten auf Sie am besten passen. Sie können wählen zwischen:

Versicherungspflicht auf Antrag

Sie können sich mit alle Rechten und Pflichten so stellen lassen, als ob Sie zu den versicherungspflichtigen Selbständigen aus dem Katalog des Sozialgesetzbuches VI fallen würden.

Freiwillige Versicherung

Hiervon sollten Sie nur dann Gebrauch machen, wenn Sie mit freiwilligen Beiträgen auch eine Absicherung im Fall der Erwerbsminderung erhalten können (das geht nicht immer) oder

Vollständige Absicherung auf dem privaten Sektor


Hierbei verlieren Sie zumindest die bestehen Ansprüche auf Altersrente und Renten wegen Todes (Witwen-/Witwer-/Waisen- und Erziehungsrente) nicht. Der Anspruch auf Rente wegen Erwerbsminderung geht aber nach 25 Monaten verloren.

Versicherungspflicht auf Antrag bzw. Versicherungspflicht nach Katalog

Vorteil

Die Versicherungspflicht auf Antrag bzw. nach dem Gesetz (Katalog des § 2 SGB VI) hat den großen Vorteil, dass Sie Pflichtbeiträge zahlen. Hierdurch erhalten bzw. sichern Sie sich das gesamte Leistungsspektrum der gesetzlichen Rentenversicherung. Hierzu insbesondere Leistungen zur Teilhabe (Rehabilitation) oder der Schutz in Fall der Erwerbsminderung. So eine Rente können Sie u.a. nur dann erhalten, wenn Sie in den letzten fünf Jahren (= 60 Monate) vor Eintritt der Erwerbsminderung mindestens 36 Monate mit Pflichtbeiträgen vorweisen können („36 in 60“-Regelung). Pflichtbeiträge zählen auch bei der besonderen Wartezeit von 45 Jahren mit, die Ihnen eine abschlagsfreie Rente mit 65 Jahren ermöglicht.

Extra-Vorteil

Nur wenn Sie Pflichtbeiträge zahlen, gehören Sie selber zu den Personen, die die Riester-Förderung erhalten können. Andernfalls bleibt Ihnen nur das „Huckepack-Verfahren“, wonach Ihr Ehegatte zu den förderberechtigten Personen gehören muss, damit Sie auch in den Genuss der Förderung kommen.

Nachteil

Die Antragspflichtversicherung bindet Sie so lange, wie Sie selbständig tätig sein. Auch ein Wechsel in der Art der selbständigen Tätigkeit (z. B. vom Gastwirt zum Tankwart) ändert daran nichts. Pflichtversicherte kraft Gesetzes bleiben solange versicherungspflichtig, wie sie die Voraussetzungen erfüllen. Sie können also nicht freiwillig aus der Versicherungspflicht „austreten“ (Ausnahme: Handwerker mit 216 Pflichtbeiträgen und „Scheinselbständige“ in den ersten drei Jahren).

Beitragsgestaltung

(Antrags-) Pflichtversicherte können nur zwischen zwei Beitragsarten wählen: Entweder zahlen Sie den Regelbeitrag von derzeit 501,48 Euro (Jungselbständige in den ersten drei vollen Kalenderjahren der Selbständigkeit zahlen dabei nur den halben Regelbeitrag von 250,74 Euro) oder Sie weisen Ihren Gewinn aus selbständiger Tätigkeit nach (Bescheinigung des Steuerberaters, gewissenhafte Selbsteinschätzung oder letzter Einkommensteuerbescheid). Dann wird hierauf der einkommensgerechte Beitrag von derzeit 19,9% erhoben.

Beispiel: Ihr Gewinn aus selbständiger Tätigkeit beträgt 2000 Euro im Monat. Entweder zahlen Sie den Regelbeitrag (Jungselbständige den halben Regelbeitrag) oder den einkommensgerechten Beitrag von 2000 Euro x 19,9% = 398 Euro.

Tipp
Wenn Sie nachweisen, dass Sie nur geringfügig selbständig Tätig sind (mtl. Gewinn unter 400 Euro) zahlen Sie auch keine Beiträge. Achtung: Der Versicherungsschutz für den Fall der Erwerbsminderung ist dann aber in Gefahr!

Merke

Die Höhe der von Ihnen gezahlten Beiträge spiegeln sich später in der Höhe Ihrer Rente und in der Höhe des Übergangsgeldes bei einer Leistung zur Teilhabe (Rehabilitation) wider.

Antragsfristen beachten

Sind Sie nicht versicherungspflichtig bzw. hat Ihre Versicherungspflicht kraft Gesetzes geendet, können Sie den Antrag auf Versicherungspflicht nur innerhalb der ersten fünf Jahre nach Aufnahme der Selbständigkeit stellen bzw. innerhalb von fünf Jahre nach Ende der Versicherungspflicht stellen.

Freiwillige Versicherung

Nicht alles, was möglich ist, ist auch sinnvoll. Machen Sie nur dann von der freiwilligen Versicherung gebrauch, wenn Sie hierdurch auch tatsächlich den bestehenden Versicherungsschutz im Fall der Erwerbsminderung aufrechterhalten können (Lassen Sie sich am besten eine Bescheinigung von der Deutschen Rentenversicherung ausstellen, bevor Sie sich gegen die Versicherungspflicht und für die freiwillige Versicherung entscheiden).

Mit freiwilligen Beiträgen können Sie einen bestehenden Versicherungsschutz im Fall der Erwerbsminderung nach dem Übergangsrecht (§ 241 SGB VI) nur dann aufrechterhalten, wenn Sie
  • die allgemeine Wartezeit (= Mindestversicherungszeit von fünf Jahren) bereits am 31.12.1983 erfüllt haben und (!)
  • die Zeit ab dem 1.1.1984 l ü c k e n l o s mit Anwartschaftserhaltungszeiten (u.a. Beiträge, Anrechnungszeiten, Wohnsitz in der ehemaligen DDR vor dem 1.1.1992, etc.) belegt haben (Nur ein Monat Lücke und die Absicherung mit freiwilligen Beiträgen ist nicht mehr möglich).

Freiwillige Beiträge können für das abgelaufene Kalenderjahr bis zum 31. März des aktuellen Kalenderjahres gezahlt werden.

Mit freiwilligen Beiträgen können Sie auch unter bestimmten Voraussetzungen Leistungen zur Teilhabe (Rehabilitation) erhalten. Die Anforderungen sind aber etwas höher, als bei Pflichtversicherten.

Vorteil

Bei der freiwilligen Versicherung behalten Sie alle Fäden in der Hand. Sie bestimmen, ob Sie überhaupt Beiträge zahlen, wann Sie die Beiträge zahlen (laufend oder in Einmalzahlungen z. B. am Jahresende) und wie hoch die Beiträge sind.

Nachteil

Freiwillige Beiträge sind eben keine Pflichtbeiträge und zählen somit bei der Erfüllung bestimmter versicherungsrechtlicher Voraussetzungen nicht mit. Dies gilt insbesondere für die Altersrente für Frauen (mehr als zehn Jahre Pflichtbeiträge ab dem 40. Geburtstag), bei der besonderen Wartezeit von 45 Jahren (hier zählen nur Pflichtbeiträge und Berücksichtigungszeiten) oder bei der heutigen Rente wegen Erwerbsminderung („36 in 60“).

Können Sie mit freiwilligen Beiträgen nach dem Übergangsrecht den bestehen Versicherungsschutz in Fällen der Erwerbsminderung nicht aufrechterhalten (siehe oben), dann sollten Sie die Finger von der freiwilligen Versicherung lassen. Sie können allenfalls ein paar freiwillige Beiträge zahlen, um damit noch Wartezeiten für andere Altersrenten zu erfüllen.

Beitragshöhe

Freiwillig Versicherte können die Höhe ihrer Versicherungsbeiträge selbst bestimmen. Mindestens fällig sind derzeit 79,60 Euro pro Monat, der Höchstbeitrag beläuft sich auf 1074,60 Euro. Die Höhe der Beiträge spiegelt sich später in der Höhe der Rente und des Übergangsgeldes bei Leistungen zur Teilhabe (Rehabilitation) wider.

Vollständige Absicherung auf dem privaten Sektor

Wenn Sie jung, gesund und ohne Kinder sind, dann ist die vollständige Absicherung auf dem privaten Sektor eine Alternative für Sie. Bevor Sie aber der gesetzlichen Rentenversicherung den Rücken kehren, beantworten Sie für sich die Frage, ob Ihre private Versicherung mindestens das leisten kann, was die gesetzliche Rentenversicherung leistet.

Vorteil

Sie sind frei in der Gestaltung Ihrer Versicherungsverträge und bezahlen auch nur Beiträge für die Risiken, die für Sie wichtig sind. Leistungskürzungen für bestehende Verträge müssen Sie nicht befürchten.

Nachteil

Kehren Sie der gesetzlichen Rentenversicherung den Rücken, verlieren Sie nach spätestens nach 25 Monaten den versicherungsrechtlichen Anspruch auf eine Rente wegen Erwerbsminderung. Sie gefährden im Einzelfall auch Ihre versicherungsrechtlichen Ansprüche auf eine Leistung zur Teilhabe (Rehabilitation).

Im Bereich der privaten Berufsunfähigkeitsversicherung müssen Sie evtl. Risikozuschläge zahlen bzw. es werden bestimmte Vorerkrankungen nicht versichert. Kapital aus einer privaten Lebensversicherung ist meist nicht „Hartz-IV-Sicher“ (besondere Vereinbarung nötig). Beiträge für Frauen und Männer sind unterschiedlich hoch.

Ihre Entscheidung: Die gesunde Mischung machts

Bei den ganzen Möglichkeiten, die Ihnen die gesetzliche Rentenversicherung bietet, raucht einem schon mal schnell der Kopf. Wenn Sie jetzt schon für sich zum Schluss kommen, dass das alles zu teuer ist, müssen Sie sich dann auch Fragen, ob Ihre Selbständigkeit wirklich von Erfolg gekrönt sein wird. Den neben den Kosten für die Altersvorsorge kommen ja noch Kosten für Kranken- und Pflegeversicherung, aber auch für andere Versicherungen auf Sie zu. Vergessen Sie bei alledem nicht, auch für sich die „rote Linie“ zu ziehen, bis zu welchen Verlusten Sie Ihre Selbständigkeit ziehen wollen. Es kommt immer wieder vor, dass Selbständige schuldlos im Alter vor dem Nichts stehen. Die, die das hohe Lied der privaten Versicherungen gesungen haben, müssen dann „nur“ mit der gesetzlichen Rente und der Grundsicherung vom Sozialamt auskommen.

Wenn es Ihnen finanziell möglich ist, behalten Sie ein Bein in der gesetzlichen Rentenversicherung und ein Bein in einer guten privaten Altersvorsorge. So können Sie im Fall eines Falles wenigsten noch auf einem Bein stehen.

Weitere News zum Thema

  • EU-Kommission fragt Bürger zur privaten Altersvorsorge

    [] (verpd) Im Rahmen einer Konsultation zur privaten Rentenversicherung erhalten neben Versicherern und Verbänden auch Verbraucher jetzt die Gelegenheit mitzureden. Allerdings steht der dafür vorhergesehene, online abrufbare Fragebogen nur in englischer Sprache zur Verfügung. mehr

  • Geburtenzahl erreicht höchsten Stand seit dem Jahr 2000

    [] (verpd) Nach vorläufigen Destatis-Zahlen ist die Zahl der Lebendgeburten 2015 um über drei Prozent auf gut 737.630 gestiegen. Das sind so viele wie seit 2000 nicht mehr. Gleichzeitig gab es mit über 925.200 Sterbefällen die höchste Zahl nach 1985. Die Geburtenrate reichte daher auch 2015 nicht aus, um die Zahl der Sterbefälle auszugleichen. Wegen der starken Zuwanderung dürfte die Bevölkerung dennoch um knapp eine Million Menschen zugenommen haben. mehr

  • Mehrheit der Solo-Selbstständigen hat keine Altersvorsorge

    [] (verpd) Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) ist in einer Studie unter anderem der Frage nachgegangen, inwieweit die zwei Millionen Solo-Unternehmer in Deutschland finanziell für ihr Alter vorsorgen. Das Ergebnis ist ernüchternd: Mehr als jeder zweite betroffene Selbstständige betreibt überhaupt keine Altersvorsorge. mehr

Weitere News zum Thema

schließen

Link empfehlen

Mit der Inanspruchnahme des Services willigen Sie in folgende Vorgehensweise ein:

Ihre eigene E-Mail-Adresse und die des Empfängers werden nur zu Übertragungszwecken verwendet - um den Adressaten über den Absender zu informieren, bzw. bei einem Übertragungsfehler eine Benachrichtigung zu übermitteln. Um einen Missbrauch dieses Services zu vermeiden, wird Geldtipps.de die Identifikationsdaten (IP-Adresse) jedes Nutzers der versandten E-Mail in Form eines E-Mail-Header-Record (X-Sent-by-IP) beifügen und für einen Zeitraum von zwei Monaten speichern. Sofern Dritte glaubhaft machen, dass sie durch die Versendung eines Artikels im Rahmen dieses Services in ihren Rechten verletzt wurden, wird Geldtipps.de die Identifikationsdaten zur Rechtsverfolgung herausgeben.