Vorsicht: Statistik!

 - 

Unser Weltbild ist häufig von falschen Annahmen geprägt, die auf einer trügerischen Statistikgläubigkeit beruhen. Jüngstes Beispiel einer vorurteilsbedingten Fehlinterpretation: Die Debatte über die angeblich überreichen Pensionäre.

Es ist ein Kreuz mit der Statistik und insbesondere mit Journalisten, die sich aus einer Statistik (hier: des Statistischen Bundesamtes) nur das heraussuchen, was sie für ihren Artikel brauchen (hier: über die reichen Pensionäre jetzt auch im einfachen und mittleren Dienst, siehe unten).

Antwort des Statistischen Bundesamtes

"Der Artikel der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 24.7.2014 bezieht sich auf die Ergebnisse der Einkommens- und Verbrauchsstichprobe (EVS) 2013, die am 21.7.2014 vom Statistischen Bundesamt im Tabellenband Fachserie 15 Heft 2 "Geld- und Immobilienvermögen sowie Schulden privater Haushalte" veröffentlicht wurden.

Die EVS ist die größte freiwillige Haushaltserhebung der amtlichen Statistik. Sie wird alle fünf Jahre durchgeführt. Knapp 60.000 private Haushalte nehmen teil und geben freiwillig Auskunft über ihre Einnahmen und Ausgaben, ihr Geld- und Immobilienvermögen, ihre Wohnverhältnisse und ihre Ausstattung mit ausgewählten Gebrauchsgütern. Derzeit liegen aus der EVS die Ergebnisse zur Ausstattung der privaten Haushalte mit ausgewählten Gebrauchsgütern, zur Wohnsituation sowie zum Geld- und Immobilienvermögen vor. Die Ergebnisse zu den Einkommen, Einnahmen und Ausgaben werden im Herbst 2015 veröffentlicht.

Dringend erwähnt werden muss an dieser Stelle, dass in den EVS-Ergebnissen keine Haushalte enthalten sind mit mehr als 18.000 € Nettoeinkommen im Monat, weil sie in zu geringem Umfang an der Erhebung teilnehmen.

Um Strukturen u.a. im Vermögen der privaten Haushalte miteinander vergleichbar zu machen, werden die Ergebnisse unterschiedlicher Haushaltsgruppen nebeneinander gestellt. Neben dem Vergleich nach Haushaltsgröße, Haushaltstyp (Alleinlebende, Alleinerziehende, Paare mit und ohne Kinder), Haushaltsnettoeinkommen und Alter der Haupteinkommenspersonen werden auch die Ergebnisse nach der sozialen Stellung der Haupteinkommenspersonen nebeneinander dargestellt. Die kleinen aber z.B. hinsichtlich Bildungsabschluss und Erwerbsbiografie eher homogenen Gruppen der Beamten und Pensionäre stehen den wesentlich größeren und hinsichtlich Ausbildung und Erwerbsbiografie sehr heterogenen Gruppen der Angestellten/Arbeiter, Selbstständigen und Rentner gegenüber. Zudem haben die wirklich gut verdienenden und damit auch vermögenden Topmanager und Unternehmer an der EVS gar nicht teilgenommen. Denn dann dürfte das Ergebnis wohl anders ausgefallen sein.

Dennoch ist die Medienreaktion auf unsere Erhebungsergebnisse für uns ein aktueller Anlass, unsere Veröffentlichungspraxis für diesen Bereich kritisch zu überdenken und weiterzuentwickeln."

Weitere Informationen zu diesem Thema

F.A.Z.-Artikel vom 24.7.2014: "Meinungsmache - Einfache Beamte, wohlhabende Pensionäre "

"Mit seinen Aussagen zum Vermögen pensionierter Beamter hat das Statistische Bundesamt jüngst für Aufregung gesorgt. IW-Forscher haben das nun genauer untersucht. Ein Ergebnis: Auch Beamte aus dem einfachen oder mittleren Dienst können nicht klagen. Ausgerechnet das für trockene Zahlenreihen bekannte Statistische Bundesamt hat jüngst mit einer Statistik über den Reichtum der Deutschen viel Erstaunen und Empörung ausgelöst: Pensionierte Beamte, so die Erkenntnis, seien mit Nettovermögen von durchschnittlich 300.000 € die reichste Gruppe im Land, weit vor den Angestellten und sogar noch vor den Unternehmern. Empört reagierten einfache Bürger - aber auch Beamtenvertreter. Sie argumentieren, der Vergleich sei zu pauschal und übergehe, dass überdurchschnittlich viele Beamte hochqualifizierte und deshalb gutbezahlte Tätigkeiten ausübten. Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) hat das Thema nun näher untersucht und dazu detailliertere Daten ausgewertet. Ein Ergebnis, knapp gefasst: Tatsächlich haben Pensionäre, die zuvor im einfachen oder mittleren Dienst waren, deutlich geringere Vermögen als Pensionäre aus dem gehobenen und höheren Dienst. Doch über karge Verhältnisse können, jedenfalls im Durchschnitt, auch sie durchaus nicht klagen. Ein weiteres Ergebnis, diesmal mit Blick auf Unternehmer: Anders als Pensionäre und auch Rentner zehren Sie im Alter größere Teile ihrer Vermögen auf; das schließt allerdings auch die Übergabe von Betriebsvermögen auf Söhne und Töchter ein." Quelle: F.A.Z.

Anmerkung des F.A.Z.-Lesers J. A.

"Die reichen Beamten ... Es ist unglaublich, wie hier die Mainstream-Macher wieder mal eine Sau durch den Ort treiben: Endlich weg von den obszönen Einkünften der Investmentbanker, Vorständen usw., weg von den -zig Milliarden der Bankenkrise (wo sind sie geblieben?), weg auch von den Hungerlöhnen der Praktikanten und prekär Beschäftigten, hin zu den Beamten, die sich ja immer für eine Schelte eignen (mit welchem Ziel eigentlich?), und dann auch noch mit einer wissenschaftlichen Studie der Ökonomen, die doch spätestens seit 2008 jede Glaubwürdigkeit verloren haben. Nur zur Klarstellung: Ich bin kein Beamter, hätte durchaus Kritik am Beamtentum zu äußern (z.B. Ungleichbehandlung Beamte/Angestellte im öffentlichen Dienst, Zwei-/Dreiklassenmedizin; Herr Lauterbach und seine Bürgerversicherung sind in der Versenkung verschwunden; aber da sagen die Mainstreamer wieder: Bitte vergessen, Beamtenschelte ist angesagt!). Gerade Beamte im einfachen Dienst haben im Alter oft weniger als die Grundsicherung zum Leben. Aber das IW möchte natürlich gerne Neid zwischen den Habenichtsen schüren, während die unfassbaren Millionen- und Milliarden(!)-Gehälter von Unternehmensmanagern, Hedgefonds-Vorständen und Multimilliardären angeblich zu hoch besteuert werden und für die Masse sakrosankt zu sein haben." Quelle: F.A.Z.

Zum Schluss noch ein Bonmot: "Die Statistik ist wie ein Bikini: Sie zeigt Vieles, verhüllt aber das Entscheidende.

Weitere News zum Thema

  • Beamtenpensionen zu hoch?

    [] Hohe Pensionen sorgen wieder einmal für Aufregung. Innerhalb weniger Stunden wurde ein Artikel auf ZEIT-online mehr als 250.000 mal aufgerufen und fast 1.000 mal kommentiert. Nadine Oberhuber macht sich darin die recht oberflächliche Kritik von Diplom-Kaufmann Torsten Ermel, Wirtschaftsprüfer, Steuerberater und AfD-Mitglied, an den Beamten und Pensionären zu eigen. Diese seien die »neuen Adeligen der Nation«. Unser Autor Werner Siepe, selbst Pensionär, stellt klar. mehr

  • Neuordnung der Zusatzversorgung weiterhin verfassungswidrig

    [] Zusatzversorgung der Angestellten und Arbeiter im öffentlichen Dienst: Bundesgerichtshof erklärt auch die geänderte Startgutschriftenregelung der Versorgungsanstalt des Bundes und der Länder (VBL) für rentenferne Versicherte für unwirksam. mehr

  • Größte Zusatzversorgungskasse senkt Garantiezins auf 0,25 % pro Jahr

    [] Der Garantiezins bleibt nach dem Beschluss des Bundesfinanzministeriums vom 17.12.2015 nun doch bei 1,25 % im Jahr 2016. Kurioserweise teilte die Versorgungsanstalt de Bundes und der Länder (VBL) nur einen Tag vorher mit, dass sie den Garantiezins für Neuabschlüsse in der freiwilligen Versicherung ab 1.4.2016 senken will (Quelle: VBL ). mehr

Weitere News zum Thema

schließen

Link empfehlen

Mit der Inanspruchnahme des Services willigen Sie in folgende Vorgehensweise ein:

Ihre eigene E-Mail-Adresse und die des Empfängers werden nur zu Übertragungszwecken verwendet - um den Adressaten über den Absender zu informieren, bzw. bei einem Übertragungsfehler eine Benachrichtigung zu übermitteln. Um einen Missbrauch dieses Services zu vermeiden, wird Geldtipps.de die Identifikationsdaten (IP-Adresse) jedes Nutzers der versandten E-Mail in Form eines E-Mail-Header-Record (X-Sent-by-IP) beifügen und für einen Zeitraum von zwei Monaten speichern. Sofern Dritte glaubhaft machen, dass sie durch die Versendung eines Artikels im Rahmen dieses Services in ihren Rechten verletzt wurden, wird Geldtipps.de die Identifikationsdaten zur Rechtsverfolgung herausgeben.