Rentenversicherungsbericht: Rechenfehler beim Rentenniveau

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Wie ein falsch berechnetes Rentenniveau in die Irre führt.

Der Streit um die Höhe des künftigen Rentenniveaus dauert an. Im Rentenversicherungsbericht 2014, der vom Bundeskabinett heute am 19.11.2014 verabschiedet wurde, wird ein Sicherungsniveau vor Steuern von 48 % für 2014 genannt, das dann laut Modellrechnung im Jahr 2028 auf 44,4 % sinken soll.

Die Senkung dieses Rentenniveaus um 3,6 Prozentpunkte gegenüber heute soll dadurch zustande kommen, dass die Renten in den nächsten Jahren geringer steigen als die Löhne. Im Durchschnitt legen die Löhne laut aktuellem Rentenversicherungsbericht um 3 % pro Jahr zu, während die Renten bis zum Jahr 2028 um durchschnittlich 2,4 % steigen sollen.

Unabhängig von der optimistisch geschätzten Lohn- und Rentensteigerung in den nächsten Jahren ist es aber höchst fraglich, ob die vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales genannten Zahlen für das Rentenniveau überhaupt richtig errechnet wurden.

Bruttorentenniveau aktuell bei 44,7 Prozent

Unstreitig liegt das Rentenniveau jetzt schon bei nur 44,7 %, wenn man die Standard- bzw. Eckrente brutto in Höhe von 1.287,45 € bei 45 Beitragsjahren ins Verhältnis setzt zum monatlichen Bruttodurchschnittsentgelt von 2.882,92 € (siehe Zahlen aus dem Rentenversicherungsbericht 2014 auf Seite 49). Bei allen Rentenversicherungsberichten bis zum Jahr 2003 nannte man das auch Bruttorentenniveau.

Ab dem Rentenversicherungsbericht 2004 hat man diese Kennzahl allerdings durch das Sicherungsniveau vor Steuern ersetzt. Nach dem ab 1.1.2005 neu eingeführten § 154 Abs. 3 Nr. 2 SGB VI ist damit die verfügbare Standardrente in Prozent des verfügbaren Durchschnittsentgelts gemeint.

Verfügbar heißt: Der Beitragsanteil zur gesetzlichen Kranken- und Pflegeversicherung wird beim Rentner von der Bruttorente ebenso abgezogen werden ebenso wie der Arbeitnehmersozialbeitrag zur gesetzlichen Kranken-, Pflege-, Renten- und Arbeitslosenversicherung vom Bruttolohn beim Arbeitnehmer.

Sicherungsniveau vor Steuern tatsächlich bei 50,2 statt 48 Prozent

In 2014 liegt die verfügbare Standardrente beim kinderlosen Rentner bei 1.152,27 €, sofern man 10,5 % als Beitrag für die gesetzliche Kranken- und Pflegeversicherung beim Rentner abzieht. Das verfügbare Durchschnittsentgelt des Arbeitnehmers sinkt nach Abzug von 20,42 % Arbeitnehmeranteil zur Sozialversicherung auf 2.294,08 € vor Steuern.

Also läge das Sicherungsniveau vor Steuern momentan sogar bei 50,2 % und nicht bei den im aktuellen Rentenversicherungsbericht genannten 48 %.

Rechenfehler durch falsche Kennzahl Sozialbeitragsquote

Der Rechenfehler in allen Rentenversicherungsberichten von 2004 bis 2014 ist nicht rein zufällig, sondern hat System. Seit 2004 wird nicht der tatsächliche Arbeitnehmeranteil von rund 20 % berücksichtigt, sondern eine sogenannte Sozialbeitragsquote von nur 16 bis 17 % für alle Erwerbstätigen einschließlich der Beamten und sogar einschließlich des durchschnittlichen Aufwands für die zusätzliche Altersvorsorge. Beamte zahlen aber bekanntlich überhaupt keine Beiträge in die Sozialversicherung. Und die zusätzliche Altersvorsorge kann in der Beitragsquote von 17 % des Bruttolohns für Arbeitnehmer auch nicht enthalten sein.

Die volkswirtschaftliche Sozialbeitragsquote gibt lediglich den Anteil der Sozialbeiträge aller Beschäftigten am Bruttoinlandsprodukt an und liegt immer deutlich unter dem Arbeitnehmeranteil zur Sozialversicherung in Prozent des Bruttolohns. Dass man die Sozialbeitragsquote zur Berechnung des Rentenniveaus bei ehemaligen Arbeitnehmern heranzieht, macht keinen Sinn. Der Rechenfehler zieht sich durch alle Rentenversicherungsberichte von 2004 bis heute durch. Weder Bundesarbeitsministerium noch Bundesregierung haben es bisher für nötig gehalten, diesen Rechenfehler zu beseitigen.

Falsch berechnetes Sicherungsniveau als Phantomzahl

Prozente hin, Prozente her: Aussagekräftiger und ehrlicher wäre es, zur früheren Ermittlung des Bruttorentenniveaus zurückzukehren. Bereits im Gutachten zum Rentenversicherungsbericht 2004 mahnte dies der Sozialbeirat der Bundesregierung mit Hinweis auf den Vorschlag der Nachhaltigkeitskommission an und äußerte Bedenken zum damals sogenannten Nettorentenniveau vor Steuern bzw. steuerbereinigtes Nettorentenniveau, das dann später in Sicherungsniveau vor Steuern oder – noch kürzer – einfach in Rentenniveau umgetauft wurde.

Die Kennzahl Rentenniveau wird aber genau dadurch zu einer Mogelpackung und die für 2014 genannten 48 % mutieren infolge des systematischen Rechenfehlers zu einer Phantomzahl, die von der Wirklichkeit meilenweit entfernt ist. Eine Diskussion um die Höhe des Rentenniveaus mit unscharfen Begriffen und fiktiven Zahlen nützt letztlich am wenigsten den Arbeitnehmern und künftigen Rentnern.

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