Ost-West-Angleichung bei der Rente

 - 

In diesem Herbst wird wieder viel über die Angleichung der Renten in den alten und neuen Bundesländern diskutiert. Wo gibt es überhaupt Unterschiede? Und: Gibt es hier Gestaltungsmöglichkeiten?

Doch vorab zum Grundsatz: Über welche Regeln wird eigentlich gestritten? Tatsache ist: Die Renten-Ansprüche, die ostdeutsche Arbeitnehmer erwerben, werden anders behandelt als die ihrer westdeutschen Kollegen. Unterm Strich stellen sich die Betroffenen allerdings nicht schlechter. Denn wer in den neuen Bundesländern tätig ist, dessen Ansprüche werden sowohl auf- als auch abgewertet.

So funktioniert die Aufwertung von gesetzlichen Renten ...

Zunächst zur Aufwertung: 2014 beträgt der durchschnittliche Verdienst (vorläufiger Wert) aller Versicherten im Westen 34.857,00 € und im Osten 29.359,00 €. Der West-Wert ist also um 18,73 % höher. Um diesen Prozentsatz – genau: um einen Hochwertungsfaktor von 1,1873 – werden die Ost-Verdienste von 2014 für die Rente hochgewertet.

Die Probe: 29.359,00 € multipliziert mit 1,1873 ergibt 34.857,00 €. So bekommt ein Versicherter aus den neuen Ländern, der genau den (niedrigeren) ostdeutschen Durchschnittsverdienst erzielt hat, deshalb dafür genauso einen vollen Entgeltpunkt für die Rente gutgeschrieben wie ein Beschäftigter aus den alten Ländern, der ein Einkommen in Höhe des westdeutschen Durchschnitts hat.

... und so die Abwertung

Neben den Entgeltpunkten ist für die Rente aber auch der aktuelle Rentenwert ausschlaggebend. Dieser soll sicherstellen, dass sich die Renten etwa in gleichem Maße entwickeln wie die Verdienste der Beschäftigten. Und da die Verdienste im Osten nach wie vor im Schnitt deutlich niedriger sind, fällt der Rentenwert dort auch entsprechend niedriger aus. Hierdurch werden die Ost-Renten – anders als durch den Hochwertungsfaktor – nicht auf-, sondern abgewertet. Derzeit sieht das Verhältnis so aus: Der aktuelle Rentenwert (Ost) beträgt 26,38 € – so viel bringt derzeit ein Entgeltpunkt im Osten. Der Rentenwert Ost ist damit um 2,23 € bzw. 8,4 % niedriger als der im Westen geltende Rentenwert von 28,61 €.

Unterm Strich bedeutet dies: Bei gleichem Arbeitsentgelt sind Arbeitnehmer aus den neuen Bundesländern bei der Rente deutlich besser gestellt. Allerdings: In der Regel sind die Ost-Gehälter noch immer niedriger als die West-Gehälter.

Für welche Zeiten werden bei der späteren Rente Entgeltpunkte Ost zugrunde gelegt?

Für alle Versicherungszeiten im sog. Beitrittsgebiet – also in den neuen Ländern und im (ehemaligen) Ostteil von Berlin. Es spielt also keine Rolle, wo jemand wohnt, wenn der Rentenantrag gestellt wird. Die Weichen werden bereits in den jeweiligen konkreten Versicherungszeitpunkten gestellt.

Kommt es für Beschäftigte auf den Wohnsitz an?

Nein, es zählt der Beschäftigungsort. Wer also im ehemaligen Westen Berlins wohnt, aber in einer nur 100 Meter entfernten Firma arbeitet, die im ehemaligen Osten liegt, für den gelten die Ostregeln.

Umgekehrt gelten für Ostdeutsche, die zur Arbeit in den Westen pendeln, die Westregeln. Das muss aber kein Vorteil sein. Möglicherweise ist der West-Lohn zwar ein paar Euro höher als der Ost-Lohn. Doch Arbeitseinkommen aus dem Osten wird – für die Rente – um einen Höherwertungsfaktor aufgehübscht. Derzeit liegt der Faktor bei 1,1873 (s.o.). Aus 3.000,00 € Monatseinkommen, die im Osten erzielt werden, werden damit (für die Rente) 3.562,00 €. Eine solche Höherwertung gibt es für Gehälter, die im Westen erzielt werden, nicht.

Was gilt beim Wechsel der Beschäftigung?

Wenn Beschäftigte in einem Jahr sowohl im Osten als auch im Westen arbeiten, wird für die spätere Rente genau abgerechnet. Fallen in einen Monat sowohl West- als auch Ost-Beschäftigungszeiten, so gilt danach für diesen Monat der niedrigere Ost-Wert.

Arbeitet z.B. ein Arbeitnehmer von Januar bis Mitte Juli in Sachsen und danach für eine Firma in Bayern, werden bei der Berechnung seiner späteren Rente für die ersten sieben Monate des Jahres Ost-Werte berücksichtigt und für die letzten fünf Monate West-Werte.

Spielt es für Rentner eine Rolle, ob sie im Westen oder im Osten wohnen?

Nein. Die Rente wird einmal errechnet – und dann jährlich angepasst. Bei Rentnern, die ihre Entgeltpunkte nur im Westen erworben haben, wird sie entsprechend der West-Werte angepasst – auch wenn sie im Osten wohnen.

Was gilt für Zeiten der Arbeitslosigkeit mit Bezug von Arbeitslosengeld I?

In diesem Fall kommt es nicht darauf an, wo die Betroffenen vorher gearbeitet haben. Ob bei der Rentenberechnung später West- oder Ost-Regeln zugrunde gelegt werden, hängt für Arbeitslose davon ab, wo sie wohnen und welche Arbeitsagentur damit für sie zuständig ist.

Liegt die Arbeitsagentur im Westen, so zählen später die West-Werte, andernfalls die aus dem Osten. Zeiten des Bezugs von ALG II gelten für die Rente übrigens in Ost und West gleich wenig – sie bringen nämlich keine Erhöhung.

Werden auch Zeiten des Arbeitslosengeldbezugs im Osten hochgewertet?

Nein. Die Höherwertung gilt nur für Beschäftigte und für die kleine Gruppe der Selbstständigen, die pflichtversichert sind.

Was gilt für Zeiten der Kindererziehung?

Soweit die Kinder ab 1992 geboren wurden, werden in Ost und West jeweils die ersten drei Lebensjahre des Kindes bei einem Elternteil als Kindererziehungszeit anerkannt und bringen insgesamt (rund) drei Entgeltpunkte. Bei Kindern, die vor 1992 geboren wurden, gibt es seit Juli 2014zwei Entgeltpunkte.

Allerdings haben auch bei Kindererziehungszeiten die Entgeltpunkte einen unterschiedlichen Wert. Dabei kommt es nicht darauf an, wo die Kinder geboren wurden, sondern auf den Wohnort der Mutter (bzw. des erziehenden Elternteils).

Für eine Mutter, die ihren Wohnsitz in Ost-Berlin hat, zählt der Ost-Wert. Drei Jahre Kindererziehungszeit sind damit derzeit etwa 79,00 € wert. Nimmt die Mutter dagegen eine Wohnung im Westen der Stadt, so werden ihr West-Werte zuerkannt, die Kindererziehungsjahre sind damit nach dem aktuellen Rentenwert etwa 86,00 € wert. Ein Umzug in eine nur wenige Meter entfernte West-Wohnung kann hier also deutliche Vorteile bringen.

Was gilt für Zeiten der Angehörigenpflege?

Hier kommt es darauf an, wo der Angehörige gepflegt wird. Wird er im Beitrittsgebiet gepflegt, so ist die Angehörigenpflege für die spätere Rente weniger wert. Konkret: Eine Tochter, die ihren schwerpflegebedürftigen Vater (Pflegestufe III) ein Jahr lang mindestens 28 Stunden pro Woche pflegt, bekommt derzeit für die spätere Rente 21,73 € gutgeschrieben, wenn die Pflege im Westen oder im ehemaligen West-Berlin erfolgt. Im Osten sind es dagegen nur 19,91 €.

Was gilt bei der Hinterbliebenenrente?

Die Hinterbliebenenrente selbst richtet sich immer nach der Altersrente des Verstorbenen bzw. (wenn dieser noch nicht Altersrentner war) nach der Erwerbsminderungsrente, die dieser erhalten hätte. Das ist in Ost und West gleich.

Dennoch gibt es Unterschiede – allerdings nur bei der Anrechnung anderer Einkommen auf die Hinterbliebenenrente. Hier gelten im Westen etwas höhere Freibeträge als im Osten. Unterm Strich können Witwen und Witwer, die im Westen leben, von ihren Zusatzeinkünften, die auf die Rente angerechnet werden, maximal 23,44 € monatlich mehr behalten.

Ob der Ost- oder der West-Freibetrag zugrunde gelegt wird, hängt davon ab, wo die Betroffenen wohnen. Für einen Westler, der nach Zwickau umzieht, gilt damit der niedrigere Ost-Freibetrag und für einen Ostler, der nach Köln umzieht, der West-Freibetrag.

Quelle: "Der GeldBerater", Oktober 2014

Aktuelle Informationen zu Sozialversicherungsthemen lesen Sie jeden Monat im Newsletter "Vorsorgetipps konkret!".

Weitere News zum Thema

  • Die gesetzliche Altersrente alleine reicht nicht

    [] (verpd) Alles in allem wird das Rentensystem in Deutschland, das aus der gesetzlichen, betrieblichen und privaten Altersvorsorge besteht, auch künftig funktionieren. Allerdings sollten je nach Region insbesondere Jüngere vermehrt für das Rentenalter privat vorsorgen, da bei vielen die Höhe der gesetzlichen Rente weniger als 39 Prozent ihres letzten Bruttoeinkommens sein wird. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Studie. mehr

  • Altersarmut ist überproportional weiblich

    [] (verpd) Nach einer offiziellen Statistik mussten im März 2017 über eine halbe Million Bürger, die die Altersgrenze für die gesetzliche Altersrente überschritten haben, mit der Grundsicherung im Alter vom Staat finanziell unterstützt werden, um ihren Lebensunterhalt zu sichern. Der Großteil davon waren Frauen. mehr

  • Bei Jobverlust sinkt die gesetzliche Altersrente

    [] (verpd) Wer seinen Job verliert und während der Arbeitslosigkeit von der Agentur für Arbeit Arbeitslosengeld I erhält, ist grundsätzlich in der gesetzlichen Rentenversicherung abgesichert. Dennoch mindert sich durch die Arbeitslosigkeit die künftige Rentenhöhe. mehr

  • Riester- und Rürup-Rente: Produktinformationsblatt ist Pflicht

    [] Seit Anfang dieses Jahres gilt für Anbieter zertifizierter Altersvorsorgeverträge (sogenannte Riester-Renten) sowie Basisrentenverträge (sogenannte Rürup-Rentenverträge) eine neue Pflicht: Sie müssen jedem Kunden vor Abschluss des Vertrags ein Produktinformationsblatt (PIB) aushändigen. mehr

Weitere News zum Thema

schließen

Link empfehlen

Mit der Inanspruchnahme des Services willigen Sie in folgende Vorgehensweise ein:

Ihre eigene E-Mail-Adresse und die des Empfängers werden nur zu Übertragungszwecken verwendet - um den Adressaten über den Absender zu informieren, bzw. bei einem Übertragungsfehler eine Benachrichtigung zu übermitteln. Um einen Missbrauch dieses Services zu vermeiden, wird Geldtipps.de die Identifikationsdaten (IP-Adresse) jedes Nutzers der versandten E-Mail in Form eines E-Mail-Header-Record (X-Sent-by-IP) beifügen und für einen Zeitraum von zwei Monaten speichern. Sofern Dritte glaubhaft machen, dass sie durch die Versendung eines Artikels im Rahmen dieses Services in ihren Rechten verletzt wurden, wird Geldtipps.de die Identifikationsdaten zur Rechtsverfolgung herausgeben.