Große Koalition gegen Altersarmut

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Den Senioren in Deutschland könnte die Große Koalition nach den beiden Rentenbonbons von 2014 (Rente ab 63 und der Aufwertung der Mütterrente) eine weitere Wohltat bescheren. Horst Seehofer (CSU) und Sigmar Gabriel (SPD) beabsichtigen, eine Wende in der Rentenpolitik herbeizuführen und das Rentenniveau nicht wie geplant weiter abzusenken, und zwar möglicherweise, um die 20 Millionen deutschen Rentner glücklich zu machen, damit sie im kommenden Jahr ihre Wählerkreuze an der richtigen Stelle markieren. Denn die Gefahr der Altersarmut grassiert weniger in der Wirklichkeit als vielmehr in den Köpfen interessegeleiteter Demagogen.

Heute Abend in Berlin auf dem Koalitionsgipfeltreffen der beiden Unionsparteien mit der SPD könnten die Berechnungen des WDR zur Altersarmut eine Rolle spielen. Zitat: Wer 40 Jahre lang 2.100 € monatlich brutto bei Vollzeitbeschäftigung verdient, erhält im Jahr 2030 nur eine Rente von monatlich 840 € und landet in der Altersarmut.

So hat der WDR gerechnet:

  • 1. monatliches Bruttogehalt jetzt (also keine Lohnsteigerungen bis 2030): 2.100 € (= 70 % des monatlichen Durchschnittsentgelts von brutto 3.000 €),

  • 2. monatliche Bruttorente jetzt: 945 € (= 45 % von 2.100 €, da aktuelles Bruttorentenniveau bei rund 45 %), also mehr als 840 € in 2016 und gerade noch über der solidarischen Lebensleistungsrente à la Nahles,

  • 3. monatliche Bruttorente in 2030: 840 € (= 40 % von 2.100 €, da dann das Bruttorentenniveau nur noch bei 40 % liegen soll).

Und hier die schweren Denk- und Rechenfehler:

  • Zu 1. Die Löhne werden von 2016 bis 2030 ganz sicher steigen und nicht gleich bleiben (Arbeitgeber im öffentlichen Dienst haben beispielsweise heute eine Bruttolohnsteigerung von 3 % für die nächsten zwei Jahre angeboten).

  • Zu 2 und 3. Selbst wenn die Löhne wider jede Erfahrung bis 2030 nicht steigen würden, dürften die Renten wegen der Rentengarantie aus 2009 nicht sinken. Also bliebe es dann bei 945 € von heute. Der WDR glaubt also fälschlicherweise, dass die Renten auch dann sinken, wenn die Löhne nicht steigen.

  • Zusätzlicher Punkt 4: Die Renten werden bis 2030 ganz sicher auch dann schon steigen, wenn die Löhne um durchschnittlich 0,8 % pro Jahr steigen. Das verlangt sogar die jetzige Rentenformel.

Kommentar eines ehemaligen Mathe-Lehrers: Zur mittleren Reife hätte es mit solchen Milchmädchenrechnungen nicht gereicht, geschweige denn zum Abitur. Diese Falschrechner schwimmen auf der Rentenarmutswelle – nach dem bekannten Motto bad news are good news.

Methodisch falsch, zu kurz gegriffen, unseriös

Der Generalsekretär der Caritas, Georg Cremer, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Freiburg, hält die WDR-Berechnung für falsch: Sie passt auf einen Bierdeckel. Sie nimmt die Bestandsaufnahme, also die jetzt Beschäftigten, und überlegt sich, was für eine Rente bekämen diese, wenn sie denn ihr ganzes Leben so beschäftigt wären, wie sie heute beschäftigt sind. Es bedroht auch den gesellschaftlichen Frieden, wenn man mit einer völlig vagen, methodisch unsauberen Prognose, wo auch die Namen der dies erstellenden Wissenschaftler gar nicht genannt werden, behauptet, in 14 Jahren wären 50 Prozent der Neurentner arm. Und es entsetzt mich, dass diese Geschichte unüberprüft in allen Medien wiedergegeben wird.

Wie bereits in der Geldtipps.de-Nachricht Solidarische Lebensleistungsrente als Irrweg vom 11.4.2016 erläutert, erhalten derzeit rund 998.000 Menschen die Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung. Das sind gut 5 % der rund 20 Millionen Rentenbezieher. Von diesen 5 % sind rund die Hälfte Altersrentner.

Stellungnahme der Deutschen Rentenversicherung zur Berechnung des WDR

Unter Berufung auf Recherchen und eigene Berechnungen berichtet der Westdeutsche Rundfunk (WDR), dass fast jedem zweiten Bundesbürger, der ab 2030 in Rente geht, eine Altersversorgung aus der gesetzlichen Rentenversicherung unterhalb der Armutsgrenze drohe. Beinahe die Hälfte der Rentnerinnen und Rentner wären dann möglicherweise abhängig von staatlichen Grundsicherungsleistungen, also faktisch Hartz-IV-Empfänger.

Die Deutsche Rentenversicherung Bund in Berlin nimmt hierzu wie folgt Stellung: Nicht nachzuvollziehen ist die Aussage des WDR, dass beinahe die Hälfte der Rentnerinnen und Rentner, die ab 2030 in Rente gehen, möglicherweise abhängig von staatlichen Grundsicherungsleistungen wären. Aufgrund der Betrachtung individueller Ansprüche alleine aus der gesetzlichen Rentenversicherung kann kein Armutsrisiko ermittelt werden. Einkommensarmut kann immer nur im Haushaltskontext bestimmt werden. Die Höhe der gesetzlichen Rente alleine kann also keine Auskunft über die Einkommenslage von Rentnerhaushalten geben.

Die Lebensstandardsicherung erfolgt spätestens seit der Rentenreform 2001 im Drei-Säulen-System. Nur wenn alle Vorsorgeformen berücksichtigt werden, lassen sich Aussagen zur Einkommenslage im Alter treffen. Die Berechnungen des WDR berücksichtigen aber nicht die Absicherung in der zweiten und dritten Säule, d.h. in der betrieblichen und der privaten Alterssicherung. Auch können niedrige Rentenleistungen eines Partners durch den anderen Partner ausgeglichen werden. Darüber hinaus verfügen Rentnerhaushalte in nicht wenigen Fällen über Einkünfte aus weiteren Quellen.

Das Vorkommen von Renten unter Grundsicherungsniveau beruht zu einem erheblichen Anteil darauf, dass Versicherte nur kurze Zeit in die Rentenversicherung eingezahlt haben. Hierzu zählen etwa Hausfrauen, die nur kurze Zeit versichert waren oder selbstständig Erwerbstätige, die keine Beiträge zur Rentenversicherung entrichtet haben. Teilweise resultieren niedrige gesetzliche Renten auch auf einem frühen Wechsel von der gesetzlichen Rentenversicherung in andere Alterssicherungssysteme wie beispielsweise die Beamtenversorgung oder ein berufsständisches Versorgungswerk.

Da Rentner in diesen Fällen auch aus anderen Versorgungssystemen Leistungen erhalten, sagt eine niedrige Rente aus der gesetzlichen Rentenversicherung wenig über das Gesamteinkommen im Alter aus. Die vom WDR vorgenommene reine Einkommensbetrachtung übersieht, dass die Deutsche Rentenversicherung andere Leistungen, wie etwa für Kindererziehung und Pflege von Angehörigen, rentensteigernd anerkennt. Nur die Rentenansprüche auf Basis der Bruttoeinkommen zu berechnen, ist zu kurz gegriffen.

Wertvolle Expertentipps zur staatlich geförderten Altersvorsorge lesen Sie in unserem aktuellen Ratgeber So schließen Sie Ihre Rentenlücke .

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