Geringverdiener sterben früher

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Wer weniger als 980 € im Monat zur Verfügung hat, gilt als arm und hat als Mann eine um elf Jahre kürzere Lebenserwartung als ein Besserverdiener. Das geht aus der aktuellen OECD-Studie zu den Alterssicherungssystemen in 34 Industrienationen hervor.

Beim internationalen Vergleich der Vermögensverhältnisse im Alter schneidet Deutschland schlecht ab. Die "Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung" (Organisation for Economic Co-operation and Development, OECD), der 34 Mitgliedstaaten angehören, die sich der Demokratie und Marktwirtschaft verpflichtet fühlen, konstatiert in ihrem jüngsten Alterssicherungs-Report, dass zwar in vielen Ländern Renten-Reformen auf den Weg gebracht wurden, aber noch immer Herausforderungen wegen der Unangemessenheit und Ungleichheit von Alterseinkünften bestehen.

Alterssicherungsbericht konstatiert zunehmede Altersarmut in Deutschland

Die Organisation analysiert und vergleicht regelmäßig die Alterssicherungssysteme ihrer Mitgliedstaaten. Von zentraler Bedeutung sind dabei die alle zwei Jahre erscheinenden Modellrechnungen zur Altersrente im Verhältnis zum Einkommen während der Erwerbsphase. Auf dieser Basis und angesichts einer Zunahme prekärer Erwerbsverhältnisse und unterbrochener Erwerbsbiografien hat die Organisation wiederholt vor der Gefahr von Altersarmut in Deutschland gewarnt.

So auch jetzt: Jeder zehnte Rentner in Deutschland ist arm (10,5 %) und muss derzeit von weniger als monatlich 980 € leben. Noch ärmer werden die heutigen Geringverdiener als künftige Rentner sein. Denn die Renten werden in Deutschland bis 2050 stärker sinken als in jedem anderen Industrieland. Die gesetzlichen Renten werden dann netto nur noch 55 % des Arbeitseinkommens betragen, sodass bei immer mehr Rentnern die Gesamteinkünfte unter die Armutsschwelle sinken. Auch beim Immobilienbesitz schneiden die über 65-Jährigen in Deutschland mit 50 % Eigentümern schlechter ab als der OECD-Durchschnitt.

Sozialbericht bestätigt sich verfestigende Dauer-Armut in Deutschland

Eine Bestätigung finden die OECD-Erkenntnisse im "Datenreport 2013: Ein Sozialbericht für die Bundesrepublik Deutschland", den das Statistische Bundesamt (Destatis) zusammen mit der Bundeszentrale für politische Bildung, dem Wissenschaftszentrum für Sozialforschung Berlin (WZB) und dem Soziooekonomischen Panel (SOEP) am DIW durchgeführt hat.

Gleichzeitig hat die dauerhafte Armut zugenommen. Von dem im Jahr 2011 als armutsgefährdet geltenden Personenkreis gehören bereits 40 Prozent dieser Gruppe seit den letzten fünf Jahren an. Im Jahr 2000 hatte die Quote bei 27 Prozent gelegen.

Ursache: um sich greifende Teilzeitarbeit

Den Grund für die sich verfestigende Dauer-Armut vieler Menschen in Deutschland und die gesunkene Arbeitszeit in Deutschland sehen die Bundesstatistiker darin, dass immer mehr Menschen gewollt oder unfreiwillig in Teilzeit arbeiteten. Von atypischer Arbeit sei bereits jede dritte erwerbstätige Frau und jeder dritte erwerbstätige jüngere Mensch im Alter zwischen 15 und 24 Jahren betroffen.

Insgesamt war im Jahr 2012 dem Datenreport zufolge gut jeder fünfte Kernerwerbstätige (22 Prozent) atypisch beschäftigt. Von den 36,3 Millionen Kernerwerbstätigen im Alter zwischen 15 und 64 Jahren (ohne Auszubildende, Studenten und Schüler) gingen 7,9 Millionen einer atypischen Arbeit nach. Hierzu zählen befristete Beschäftigung, Teilzeitbeschäftigung unter 21 Wochenstunden, geringfügige Beschäftigung sowie Zeit- und Leiharbeit.

Da atypische Beschäftigungs-Verhältnisse in der Regel nicht mit einem auskömmlichen Einkommen verbunden sind, steigt auch das Armutsrisiko. So galt im Jahr 2011 jemand als armutsgefährdet, der weniger als 980 € im Monat zur Verfügung hat. Hiervon waren 16,1(2007: 15,2) Prozent der Menschen betroffen. In der Altersgruppe der 55- bis 64-Jährigen stieg das Risiko deutlich auf 20,5(2007: 17,7) Prozent an.

Armut von geringerer Gesundheit und kürzerer Lebenserwartung begleitet

Armut zeigt sich nicht nur an finanzieller Unterversorgung. Das Risiko, einen weniger guten oder schlechten allgemeinen Gesundheitszustand zu haben, ist bei Männern aus der armutsgefährdeten Gruppe im Verhältnis zu Männern aus der hohen Einkommensgruppe um den Faktor 3,2 erhöht.

Armutslagen wirken sich negativ auf die Lebenserwartung aus. Wer dauerhaft arm ist, stirbt laut OECD-Bericht eher. Die mittlere Lebenserwartung von Männern der niedrigsten Einkommensgruppe liegt bei der Geburt fast elf Jahre unter der von Männern der höchsten Einkommensgruppe. Bei Frauen beträgt der Unterschied acht Jahre.

Statement der Deutschen Rentenversicherung zum OECD-Bericht

In einer Presse-Erklärung relativiert die Deutsche Rentenversicherung das schlechte Abschneiden des deutschen Rentensystems: "Im Gegensatz zu Rentensystemen in anderen OECD-Ländern, die stark auf Umverteilung setzen, basiert die Rente in Deutschland auf den eigenen Vorleistungen in Form von Beiträgen. Ergänzend können Niedrigverdiener in Deutschland jedoch im Alter Leistungen der bedarfsorientierten Grundsicherung erhalten, soweit sie in ihren Haushalten nicht über anderes ergänzendes Einkommen verfügen. In den Rechnungen der OECD, soweit sie sich auf die "Lohnersatzrate" der Rentensysteme bezieht, wird diese Leistung nicht berücksichtigt, da die Grundsicherung keine Leistung der Rentenversicherung ist. Daher schneidet das deutsche Rentensystem im unteren Einkommensbereich bei dem Vergleich schlechter ab als Rentensysteme, in deren Fokus die Armutsvermeidung steht und die daher über Grundsicherungselemente verfügen."

Stellungnahme des VdK zum Sozialbericht

"Wer Armut im Alter vermeiden will, muss für ordentlich bezahlte Arbeit und gute Arbeitsbedingungen sorgen", fordert Ulrike Mascher, Präsidentin des Sozialverbands VdK Deutschland. Hintergrund ist die aktuelle wissenschaftliche Studie "Sozialatlas über die Lebensverhältnisse in Deutschland". Unter den 55- bis 64-Jährigen hat sich das Armutsrisiko verschärft. "Die Studie bestätigt leider die sich verschärfende Armutssituation älterer Menschen, auf die der VdK seit langem hinweist." So habe sich im Vergleich zu 2007 die Armutsgefährdung der älteren Erwerbsfähigen um fast drei Prozentpunkte auf 20,5 Prozent erhöht. Die hohe Armutsgefährdungsquote bei der Gruppe der 55- bis 64-Jährigen ist für Mascher ein weiteres Gegenargument für die Heraufsetzung des Rentenalters: "Die Rente mit 67 wird diese Situation nur noch weiter verschärfen. Hinter diesen Zahlen stecken schon heute Menschen, die langzeitarbeitslos sind oder wegen einer Erkrankung im Berufsleben kürzer treten müssen. Bereits heute ist jeder zehnte Erwerbsminderungsrentner auf Grundsicherungsleistungen angewiesen."

"Die aktuellen Zahlen der Studie machen sehr deutlich, dass Armut in Deutschland ein akutes Problem ist und nicht mehr wegdiskutiert werden darf. Insbesondere Altersarmut ist kein Randproblem. Deshalb muss die Vermeidung und Bekämpfung von Armut ganz nach oben auf die politische Tagesordnung", mahnt Mascher. Der Sozialverband VdK sieht daher einen flächendeckenden gesetzlichen Mindestlohn als wichtigen Schritt zur Lösung des Problems. Er sieht darüber hinaus auch eine gesetzliche Regelung zur Einschränkung von Leih- und Zeitarbeit sowie von befristeten Jobs als notwendig an, um Lohndumping zu bekämpfen. "Es ist ein Skandal in einem reichen Land wie der Bundesrepublik, dass Armut existiert und noch dazu zu einem erhöhten Sterberisiko führt. Wer dies vermeiden will, muss die Kluft zwischen Arm und Reich endlich schließen. Hier wartet ein großes Stück Arbeit auf die neue Bundesregierung", sagt Mascher.

Bedenkenswerte Überlegungen zum Armutsbegriff lesen Sie in der F.A.Z.

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