Betriebsrente: Stillstand statt kräftiger Anstieg

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Entgegen offiziellen Angaben besteht Nachholbedarf bei der betrieblichen Altersversorgung.

20 Millionen Anwartschaften in der betrieblichen Altersversorgung und eine Steigerung um mehr als 30 Prozent seit 2001, verkündet stolz das Bundesministerium für Arbeit und Sozialordnung (BMAS) unter Berufung auf den gestern veröffentlichten Forschungsbericht Trägerbefragung zur betrieblichen Altersversorgung 2013 von TNS Infratest.

Wer den Forschungsbericht aber genau liest und nachrechnet, kommt zu völlig anderen Zahlen und Schlüssen. Rechnet man die Mehrfachanwartschaften (zum Beispiel aktiv Versicherte in der Direktversicherung und der Pensionskasse) aus den rund 20 Mio. heraus, kommt man auf 17,8 Mio. sozialversicherungspflichtige Arbeitnehmer mit Betriebsrentenansprüchen.

Das sind zwar rechnerisch rund 60 % aller sozialversicherungspflichtig beschäftigten Arbeitnehmer von rund 30 Millionen. Diese auch vom BMAS erwähnten Zahlen täuschen jedoch über den wahren Verbreitungsgrad der betrieblichen Altersversorgung (bAV) im engeren Sinne, worunter typischerweise die bAV in der Privatwirtschaft verstanden wird.

Nur höchstens 12,5 Mio. Arbeitnehmer in der Privatwirtschaft mit bAV

Die 5,3 Mio. sozialversicherungspflichtigen Angestellten im öffentlichen Dienst sind in den 17,8 Mio. aktiven Anwartschaften laut BMAS bereits enthalten. Im Gegensatz zur bAV handelt es sich aber bei der Zusatzversorgung im öffentlichen Dienst (ZÖD) um eine Pflichtversicherung, der sich kein Beschäftigter entziehen kann. Also gibt es nach Abzug der 5,3 Mio. Arbeitnehmer in der ZÖD tatsächlich nur 12,5 Mio. sozialversicherungspflichtige Arbeitnehmer in der Privatwirtschaft mit aktiven Anwartschaften auf eine Betriebsrente. Diese 12,5 Mio. machen aber nur rund 50 % der 24,7 Mio. sozialversicherungspflichtigen Arbeitnehmer in der Privatwirtschaft (ohne Angestellte im öffentlichen Dienst) aus. Also hat tatsächlich nur jeder zweite in Betrieben beschäftigte Arbeitnehmer einen Anspruch auf eine betriebliche Altersversorgung.

Nur 4 % mehr Anwartschaften innerhalb von zwei Jahren

Auch der Anstieg der bAV-Anwartschaften um mehr als 30 % seit 2001 täuscht über den aktuell eher niedrigen Verbreitungsgrad der betrieblichen Altersversorgung. Bekanntlich haben Arbeitnehmer in der Privatwirtschaft erst seit 2002 laut Betriebsrentengesetz einen Rechtsanspruch auf betriebliche Altersversorgung. Rechnet man wiederum die Zahlen für die Zusatzversorgung im öffentlichen Dienst heraus, die von 2002 bis 2013 nur um insgesamt 4 % zulegten, lag der Anstieg in der betrieblichen Altersversorgung der Privatwirtschaft sogar bei über 50 %. Die Zeiten einer drastischen Zunahme sind aber längst vorbei. Der Anstieg war in den letzten Jahren so gering, dass man eher von einem Stillstand sprechen kann. Beispielsweise sind die bAV-Anwartschaften in der Privatwirtschaft in zwei Jahren (von Ende 2011 bis Ende 2013) nur um 4 % gestiegen, also im gleichen Verhältnis wie die Anwartschaften in der Zusatzversorgung des öffentlichen Dienstes im 11-Jahres-Zeitraum von 2002 bis 2013. Von einem Boom kann nicht die Rede sein. Eher ist das Gegenteil der Fall. Da von der anhaltenden Niedrigzinsphase auch die Betriebsrenten betroffen sind, fällt der Anstieg derzeit immer geringer aus.

Nur monatliche Beiträge von 100 € zur betrieblichen Altersversorgung

Laut Infratest liegen die monatlichen Beiträge zur betrieblichen Altersversorgung nur bei durchschnittlich 100 €. Bei der Direktversicherung als dem mit 4,9 Mio. bAV-Anwartschaften immer noch am weitesten verbreiteten Durchführungsweg sind es nur 89 € und bei der an zweiter Stelle mit 4,8 Mio. liegenden Pensionskasse gerade einmal 102 € im Durchschnitt pro Monat. Mit einem monatlichen Beitrag von 100 € zur betrieblichen Altersversorgung sind aber zumindest für Neueinsteiger nur geringe künftige Betriebsrenten zu erwarten. Sofern sie sich für die Brutto-Entgeltumwandlung entscheiden, sind die Beiträge sozialabgaben- und steuerfrei und fallen nach Sozialabgaben- und Steuerersparnis oft auf die Hälfte. Das ist aber nur die eine Seite der Medaille.

Dreifache Kürzung der Betriebsrente bei Entgeltumwandlung

Die Kehrseite: Künftige Betriebsrenten werden bei Arbeitnehmern, deren Entgelt unter der Beitragsbemessungsgrenze von aktuell 6.050 € pro Monat in der gesetzlichen Rentenversicherung West liegt, gleich dreifach gekürzt. Die gesetzliche Rente fällt infolge der ersparten Beiträge zur gesetzlichen Rentenversicherung geringer aus und gesetzlich krankenversicherte Betriebsrentner müssen den vollen Beitrag zur gesetzlichen Kranken- und Pflegeversicherung von aktuell bis zu 18,8 % der Betriebsrente zahlen. Schließlich wird die Betriebsrente nachgelagert und daher mit dem persönlichen Steuersatz versteuert. So kommt es, dass die Netto-Betriebsrente im Alter in vielen Fällen auf die Hälfte absinken kann. Wenn man aber in der Beitragsphase die Hälfte des Bruttobeitrags bei den Sozialabgaben und Steuern einspart und andererseits in der Rentenphase die Hälfte der Brutto-Betriebsrente für die dreifache Kürzung abgeben muss, lohnt sich die betriebliche Altersversorgung kaum noch. Das gilt vor allem dann, wenn es keinen Arbeitgeberzuschuss zum Beitrag gibt und die betriebliche Altersversorgung somit rein arbeitnehmerfinanziert wird.

Reformen in der betrieblichen Altersversorgung dringend notwendig

Reformen sind erforderlich, damit der Verbreitungsgrad der betrieblichen Altersversorgung in der Privatwirtschaft steigt und die Betriebsrente auch für die betroffenen Arbeitnehmer wieder attraktiv wird. Laut Pressemitteilung des BMAS vom 14.1.2015 will die Bundesregierung noch im laufenden Jahr Vorschläge zur Stärkung der betrieblichen Altersversorgung insbesondere in Klein- und Mittelbetrieben unterbreiten. Das wurde auch bereits im Koalitionsvertrag angekündigt.

Im Gespräch ist beispielsweise eine Opting-Out-Klausel, die den Arbeitnehmer zur betrieblichen Altersversorgung verpflichtet, sofern er nicht ausdrücklich widerspricht und dann im Falle seiner Abwahl ohne Anwartschaft auf eine betriebliche Altersversorgung verbleibt. Eine ähnliche Regelung gilt aktuell auch für Minijobs, die grundsätzlich rentenversicherungspflichtig sind und nur durch Abwahl des Minijobbers rentenversicherungsfrei werden.

Ob die volle Beitragsbelastung zur gesetzlichen Kranken- und Pflegeversicherung bei der Betriebsrente – wie von einigen Verbänden gewünscht – zumindest verringert werden kann, ist höchst zweifelhaft.

Eine Erhöhung des maximal möglichen Beitrags von aktuell monatlich 242 € bzw. 4 % der monatlichen Beitragsbemessungsgrenze in der gesetzlichen Rentenversicherung West in Höhe von 6.050 € auf beispielsweise 5 oder 6 % würde insbesondere Höherverdienern helfen, die diesen höheren Beitrag finanziell auch aufbringen können.

Attraktiv würde die Betriebsrente per Entgeltumwandlung vor allem dann werden, wenn alle Arbeitgeber zur Weitergabe ihrer Sozialabgabenersparnis in Form eines Arbeitgeberzuschusses an ihre Arbeitnehmer (zum Beispiel pauschal 25 € pro Monat oder 20 % der jeweiligen Entgeltminderung) verpflichtet werden könnten. Dadurch würde sich die Nettobelastung in der Beitragsphase weiter vermindern. Zurzeit wird die Höhe von Arbeitgeberzuschüssen in vielen Tarifverträgen zur Entgeltumwandlung (zum Beispiel in der Metall-, Chemie- und Bauindustrie) bereits geregelt. Das ist aber längst nicht flächendeckend der Fall.

Erkundigen Sie sich, wie hoch in Ihrem Betrieb der Arbeitgeberzuschuss ist bzw. ob überhaupt ein Zuschuss gezahlt wird. Bezieher einer vom Arbeitgeber finanzierten klassischen Betriebsrente sollten auf die regelmäßigen Anpassungen der Auszahlungen achten. Bei der vom Arbeitnehmer finanzierten Bruttoentgeltumwandlung gibt es in der Regel keine regelmäßigen Anpassungen der Auszahlungen.

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