Bei geringen motorischen Einschränkungen: Seit 1.1.2017 häufig Anerkennung als pflegebedürftig möglich

Bei geringen motorischen Einschränkungen: Seit 1.1.2017 häufig Anerkennung als pflegebedürftig möglich

 - 

Als pflegebedürftig zählen nun auch Menschen, die nur relativ geringe Beeinträchtigungen ihrer Selbstständigkeit haben. Sie können jetzt in Pflegegrad 1 eingestuft werden. Das bringt bereits eine Reihe von Leistungsansprüchen.

Das neue Pflegerecht sollten insbesondere Menschen im Blick haben, deren Selbstständigkeit geringfügig eingeschränkt ist. Dies betrifft beispielsweise Personen mit mäßigen, rein motorischen Einschränkungen – etwa aufgrund von Wirbelsäulen- oder Gelenkerkrankungen oder Restlähmungen nach einem Schlaganfall. Sie haben häufig Probleme mit dem Gehen und Stehen, auch ihre Feinmotorik ist oft gestört – und vielfach haben sie Schmerzen. Nach den bis Ende 2016 geltenden Regeln der Pflegeversicherung war bei solchen Gesundheitsstörungen aber keine Anerkennung der Pflegebedürftigkeit möglich.

Beispiel:

Günter G. ist 75 Jahre alt und stark gehbehindert. In seiner Wohnung kann er sich aber mithilfe eines Rollators noch selbstständig bewegen. Die Wohnung liegt jedoch im 6. Stock. Treppenstufen muss er nicht bewältigen, da das Haus einen Aufzug hat. Doch darauf kommt es bei der Begutachtung der Pflegebedürftigkeit seit 2017 nicht an. Es zählt nun, ob Günter G. Treppen selbstständig hinauf- oder herabgehen könnte – und das könnte er nicht, selbst mithilfe seiner Ehefrau wäre er dazu nicht in der Lage.

Ferner interessiert bei der Begutachtung, ob Günter G. in der Lage wäre, selbstständig Freunde zu besuchen oder an geselligen Veranstaltungen teilzunehmen. Das will Günter G. zwar gar nicht. Er hat sich weitgehend aus der Gesellschaft zurückgezogen. Deshalb braucht er auch hierbei in der Praxis keine Hilfe. Doch auch darauf kommt es nicht an. Das Menschenbild, das der Pflegebegutachtung zugrunde liegt, lautet: Menschen sollten an sozialen Aktivitäten teilnehmen können – wenn sie es wollen.

Solche Kriterien sorgen dafür, dass Günter G. in Pflegegrad 1 eingestuft wird. Das bedeutet für ihn vor allem: Er hat Anspruch auf bis zu 4.000,00 € zur Finanzierung einer von ihm dringend benötigten bodengleichen Dusche.

Bei geringen Einschränkungen der Selbstständigkeit: Begutachtung beantragen

Ab 2017 ändert sich dies grundlegend. Denn der neue Pflegegrad 1 ist eigens auf diesen Personenkreis zugeschnitten. Der Pflegegrad 1 kann – nach Berechnungen des Bundesgesundheitsministeriums – ab 2017 bis zu 500000 Menschen zuerkannt werden, die nach den derzeit geltenden Regelungen noch nicht pflegebedürftig wären. Betroffenen ist daher zu raten, 2017 umgehend die Anerkennung der Pflegebedürftigkeit zu beantragen. Dann muss eine Begutachtung vorgenommen werden.

Wird der Pflegegrad 1 und damit eine geringe Beeinträchtigung der Selbstständigkeit anerkannt, stehen den Betroffenen zwar nicht die kompletten Leistungen der Pflegeversicherung zu. Sie haben aber Anspruch auf Leistungen, die dazu beitragen können, den Verbleib in der häuslichen Umgebung zu sichern und eine Zunahme der Pflegebedürftigkeit zu vermeiden.

Die wichtigsten Fragen zum Thema "Pflege" beantworten Experten in unserem Ratgeber Der Pflegefall droht: Entscheidungen treffen, Vermögen schützen und Ansprüche durchsetzen.

Pflegeberatung

Eine kompetente Beratung kann den Betroffenen helfen, die verzweigten Leistungsansprüche zu nutzen. Auch Personen mit Pflegegrad 1 haben einen gesetzlichen Anspruch auf Pflegeberatung. Die Beratung kann dabei auch in der Wohnung der Betroffenen stattfinden. Sie können alle sechs Monate einen Beratungsbesuch durch eine zugelassene Pflegeeinrichtung, durch eine von den Landesverbänden der Pflegekassen anerkannte Beratungsstelle mit nachgewiesener pflegefachlicher Kompetenz oder durch eine von der Pflegekasse beauftragte, jedoch von ihr nicht beschäftigte Pflegefachkraft abrufen. Die Vergütung hierfür in Höhe von maximal 23,00 € übernimmt die Pflegekasse.

Entlastungsbetrag

Auch Personen mit Pflegegrad 1 haben Anspruch auf den (zweckgebundenen) Entlastungsbetrag für Angebote zur Unterstützung im Alltag und bei der Pflege in Höhe von 125,00 € im Monat. Das bedeutet: Sie können entsprechende Dienste im Wert von 125,00 € monatlich einkaufen.

Pflegehilfsmittel

Weiterhin haben sie Anspruch auf zum Verbrauch bestimmte Pflegehilfsmittel (z. B. Desinfektionsmittel, Bettschutzeinlagen etc.) im Wert von bis zu 40,00 € monatlich sowie technische Pflegehilfsmittel (z. B. Rollatoren oder Rollstühle), die in der Regel zuzahlungsfrei ausgeliehen werden.

Wohnungsanpassung

Darüber hinaus stehen ihnen bis zu 4.000,00 € für Maßnahmen zur Wohnungsanpassung zu, die dazu beitragen, dass sie in ihrem gewohnten Wohnumfeld bleiben können. Dazu zählt etwa der Einbau einer bodengleichen (barrierefreien) Dusche oder die Beseitigung von Türschwellen.

Wohngemeinschaften

Soweit Pflegebedürftige mit Pflegegrad 1 in einer ambulant betreuten Wohngemeinschaft (interessant als Alternative zum Pflegeheim) leben, haben sie Anspruch auf einen Wohngruppenzuschlag in Höhe von 214,00 € pro Monat. Voraussetzung ist dabei, dass sie mit mindestens zwei und höchstens elf weiteren Personen in einer gemeinsamen Wohnung zum Zwecke der gemeinschaftlich organisierten Versorgung leben und davon mindestens zwei weitere Personen pflegebedürftig sind.

Pflegende Angehörige

Auch für Angehörige, die Personen mit Pflegegrad 1 betreuen, findet ab Januar 2017 das Pflegezeit- und das Familienpflegezeitgesetz Anwendung. Die Betroffenen können damit Anspruch auf eine Aus- oder Teilzeit vom Job sowie auf eine Arbeitsbefreiung für maximal zehn Arbeitstage zur Organisation der Pflege haben.

Aktuelle Tipps zum flexiblen Renteneintritt geben Experten in unserem Ratgeber Die Flexi-Rente: Neue Chancen für Rentenversicherte und Rentner.

Weitere News zum Thema

  • Was Pflegebedürftige und ihre Angehörigen wissen sollten

    [] (verpd) Jeder kann durch einen Unfall, durch Krankheit oder im Alter pflegebedürftig werden. Daher ist es wichtig zu wissen, was zu tun ist, aber auch welche Leistungen einem im Rahmen der gesetzlichen Pflegeversicherung zustehen, wenn man selbst oder ein naher Angehöriger zum Pflegefall wird. mehr

  • Immer mehr sind pflegebedürftig

    [] (verpd) Nach Angaben des Bundesministeriums für Gesundheit waren 2016 in Deutschland rund 2,93 Millionen Menschen pflegebedürftig, was einer Zunahme von 3,2 Prozent im Vergleich zum Vorjahr entspricht. Auch in den Jahren davor ist die Zahl der Pflegebedürftigen immer weiter angestiegen. mehr

  • Immer mehr sorgen für den Pflegefall vor

    [] (verpd) Die Statistiken belegen, dass mit steigendem Alter auch das Risiko, ein Pflegefall zu werden, steigt. Doch die gesetzliche Pflegeversicherung deckt nur einen Teil der Pflegekosten ab. Wer vermeiden möchte, dass er seinen Angehörigen im Falle des Falles finanziell zur Last fällt, kann jedoch mit einer privaten Pflegeversicherung, teilweise sogar mit staatlichen Zuschüssen entsprechend vorsorgen. mehr

  • Einkünfte aus Pflegebetrug mindern nicht Sozialhilfe

    [] Über Pflegebetrug ist insbesondere Ende letzten Jahres in der deutschen Presse einiges berichtet worden. Dabei geht es um Pflegedienste, die den Kranken- und Pflegeversicherungen Leistungen in Rechnung gestellt haben, die sie gar nicht erbracht haben. Beteiligt waren dabei allerdings nicht nur die Dienste und ggf. Ärzte, die die Leistungen verschrieben haben, sondern vielfach auch die (angeblich) Gepflegten selbst. Denn diese haben Leistungen quittiert, die sie gar nicht erhalten haben – und dafür von den Pflegediensten eine mehr oder weniger saftige Provision erhalten. Schwarzgeld also. mehr

Weitere News zum Thema

schließen

Link empfehlen

Mit der Inanspruchnahme des Services willigen Sie in folgende Vorgehensweise ein:

Ihre eigene E-Mail-Adresse und die des Empfängers werden nur zu Übertragungszwecken verwendet - um den Adressaten über den Absender zu informieren, bzw. bei einem Übertragungsfehler eine Benachrichtigung zu übermitteln. Um einen Missbrauch dieses Services zu vermeiden, wird Geldtipps.de die Identifikationsdaten (IP-Adresse) jedes Nutzers der versandten E-Mail in Form eines E-Mail-Header-Record (X-Sent-by-IP) beifügen und für einen Zeitraum von zwei Monaten speichern. Sofern Dritte glaubhaft machen, dass sie durch die Versendung eines Artikels im Rahmen dieses Services in ihren Rechten verletzt wurden, wird Geldtipps.de die Identifikationsdaten zur Rechtsverfolgung herausgeben.