Privatpatienten genießen kaum Privilegien

 - 

Eine aktuelle Arztbesucherumfrage unter 6.000 Patienten kommt zum Ergebnis: Allzu viel ist an den weit verbreiteten Thesen zur unterschiedlichen Behandlung von privat und gesetzlich Versicherten durch Ärzte nicht dran.

Wie schon 2008 hat auch im Frühjahr 2011 Kantar Health (das frühere Emnid) im Auftrag des Bundesverbands der Betriebskrankenkassen (BKK) untersucht, wie lange man in Deutschland auf einen Arzttermin und anschließend in der Praxis warten muss. Vier von fünf Befragten waren dabei in den letzten zwölf Monaten bei mindestens einem Arzt. Im Schnitt wurden vier verschiedene Mediziner aufgesucht.

Wartezeit unter einer halben Stunde

Unverändert mussten die Befragten im Schnitt etwas weniger als eine halbe Stunde im Wartezimmer sitzen. 2011 waren es bei gesetzlich Versicherten 27 Minuten, bei privat Versicherten waren es mit 21 Minuten genau sechs Minuten weniger. Bei beiden Gruppen hat sich die durchschnittliche Wartezeit jeweils um eine Minute verringert.

Wichtiger als die Unterschiede zwischen GKV- und PKV-Versicherten waren diejenigen zwischen verschiedenen Arztgruppen. Am raschesten ging es bei den Zahnärzten mit 13 Minuten, gefolgt von den Gynäkologen mit 23 Minuten. Längere Wartezeiten gab es bei den Augenärzten mit 37 Minuten sowie bei HNO-Ärzten und Orthopäden mit jeweils 35 Minuten.

Auch 2011 wurden die Patienten mit akuten Beschwerden schnell behandelt. Egal, ob in der GKV oder der PKV versichert, rund zwei Drittel der Akutfälle wurden noch am selben Tag versorgt. Unter den gesetzlich Versicherten wurden 69%, bei den Privaten 64% noch am selben Tag behandelt.

GKV-Patienten warten sechs Tage länger als Privatpatienten

Die deutlichsten Unterschiede zwischen gesetzlich und privat Versicherten zeigten sich bei der Terminvergabe. GKV-Versicherte mussten 20 Tage auf einen Termin warten, PKV-Versicherte dagegen nur 14 Tage. Dieser Unterschied scheint sich allerdings zu nivellieren. 2008 mussten gesetzlich Versicherte nämlich noch elf Tage länger auf einen Termin warten als Patienten, die in einer privaten Kasse versichert waren – inzwischen sind es nur noch sechs Tage.

Auch bei der Wartzeit auf Termine waren die Augenärzte übrigens wiederum Spitze. Bei ihnen mussten Patienten im Schnitt 37 Tage auf einen Termin warten. Bei Fachärzten musste man generell mit 24 Tagen deutlich länger auf einen Termin warten als bei Hausärzten (acht Tage).

Eine Reihe von Versicherten konnten gar keinen Termin bei dem von ihnen gewünschten Arzt erhalten. Das passierte jedem siebten gesetzlich Versicherten, aber nur jedem elften privat Versicherten. Besonders bei Fachärzten war es dabei häufig schwierig, einen Termin zu bekommen.

Als Alternative direkt ins Krankenhaus gehen

Solche Patienten wenden sich dann erfahrungsgemäß häufig direkt an die Notfallambulanzen der Krankenhäuser. Im Notfall ist das auch ohne Problem möglich. Wer also beispielsweise Brustschmerzen hat und befürchtet, dass etwas mit dem Herz nicht stimmt, könnte sich vom Ehepartner oder von Freunden direkt in die Notfallambulanz des nächstgelegenen Krankenhauses fahren lassen.
Die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen jedenfalls – wie der GKV-Spitzenverband ausdrücklich erklärt – auch dann, wenn sich nachher – glücklicherweise – herausstelle sollte, dass gar kein Notfall vorlag, die Kosten. Wichtig ist allerdings: Jeweils bei der ersten Inanspruchnahme einer Notfallbehandlung muss die Praxisgebühr von 10 Euro gezahlt werden. Wer in einem Quartal gleichzeitig die normale ambulante ärztlich Versorgung und die Notfallversorgung in Anspruch nimmt, muss damit insgesamt 20 Euro Praxisgebühr zahlen.

Ähnliches gilt auch für private Krankenkassen. Allerdings gibt es auch in der privaten Krankenversicherung zunehmend Hausarzttarife. Wer einen solchen Tarif abgeschlossen hat, kann natürlich auch sofort im Krankenhaus vorsprechen. Falls sich dann jedoch herausstellt, dass es sich keinesfalls um einen Notfall handelte, werden die Kosten der Untersuchung im Krankenhaus unter Umständen nicht voll übernommen.

112 anrufen

Zumindest wenn Patienten bedrohlich erscheinende Symptome haben, ist allerdings wenig davon zu halten, auf eigene Faust die Notfallambulanz eines Krankenhauses aufsuchen – erst recht nicht als Selbstfahrer im eigenen PKW. Bei der Fahrt kann schon Einiges passieren und im Krankenhaus sucht man gegebenenfalls wertvolle Viertelstunden nach der zuständigen Stelle. Deshalb sollte man in solchen Fällen zum Telefon greifen und 112 wählen. Dann wird man mit dem Rettungswagen ins Krankenhaus gefahren und zwar direkt an die richtige Stelle.

Druck auf den Facharzt ausüben

Häufig sind die Symptome aber unklarer und es geht wirklich darum, zunächst einen Facharzttermin zu bekommen. Wenn bei gravierenden Beschwerden kein Termin in angemessener Zeit vergeben wird, gibt es folgende zwei Möglichkeiten:

Zunächst einmal sollte man sich mit seinem Hausarzt in Verbindung setzen. Dieser sollte dann beim Facharzt anrufen und die Dringlichkeit schildern. Der Arzt kann mit viel mehr Nachdruck kurzfristig einen Termin verlangen.

Wenn auch das nicht klappt, gibt es noch eine letzte Lösung: Man geht einfach direkt zu dem benötigten Facharzt, schildert dort seine massiven Beschwerden und besteht auf einer Untersuchung. Wenn das Praxispersonal dann versucht, den Patienten wegzuschicken, kann dieser darauf verweisen, dass das unterlassene Hilfeleistung ist – und das wäre strafbar.

Weitere News zum Thema

  • Seit 1.1.2017: Höhere Arbeitgeberzuschüsse für privat Krankenversicherte

    [] (verpd) Durch die Änderung der Beitragsbemessungsgrenzen der gesetzlichen Kranken- und Pflegeversicherung zum 1. Januar 2017 hat sich auch die Zuschusshöhe, die ein Arbeitgeber seinem privat krankenversicherten Arbeitnehmer zahlen muss, erhöht. Auch der Anstieg des Beitragssatzes der gesetzlichen Pflegeversicherung führte zu der Erhöhung des Arbeitgeberzuschusses. mehr

  • Viele Bundesbürger fühlen sich gesundheitlich eingeschränkt

    [] (verpd) Im europäischen Durchschnitt gibt rund jeder Vierte, in Deutschland jeder Fünfte an, mit lang andauernden gesundheitlichen Einschränkungen bei alltäglichen Verrichtungen konfrontiert zu sein. Wie die Daten der europäischen Statistik zeigen, sinkt im Allgemeinen der Anteil der Betroffenen mit steigendem Einkommen. mehr

  • Krankenkassen schreiben Milliardenüberschuss

    [] (verpd) Die gesetzlichen Krankenkassen haben die ersten neun Monate 2016 mit einem Überschuss von rund 1,55 Milliarden Euro abgeschlossen, wie die vorläufigen Finanzergebnisse aus dem Bundesministerium für Gesundheit zeigen. Bis auf die Innungskrankenkassen lagen alle Kassenarten im Plus. Die Ausgaben stiegen nicht so stark wie in früheren Zeiten. mehr

  • Rund jede vierte Krankenkasse verlangt mehr

    [] 9.1.2017 (verpd) Der Grundbeitragssatz, den die gesetzlichen Krankenkassen jeweils von den gesetzlich krankenversicherten Arbeitnehmern und deren Arbeitgebern verlangen, beträgt 7,3 Prozent. Insgesamt also 14,6 Prozent. Zusätzlich können die Kassen einkommensabhängige Zusatzbeiträge erheben, die von den entsprechenden Arbeitnehmern alleine zu tragen sind. Alle Krankenkassen machen seit diesem Jahr von diesem Recht Gebrauch. mehr

  • Damit die Hausapotheke nicht zum Risiko wird

    [] (verpd) Besonders in der Winterzeit kämpfen viele mit Schnupfen, Husten oder sonstigen Leiden. Wer hier entsprechende Arzneimittel zu Hause hat, kann schnell dagegen vorgehen. Wichtig ist jedoch nicht nur, dass die Medikamente im heimischen Medizinschrank lagern, sondern auch, dass sie nicht veraltet sind. Denn abgelaufene Arznei wirkt häufig nur noch bedingt oder gar nicht mehr und kann im schlimmsten Fall sogar gesundheitsschädlich sein. mehr

Weitere News zum Thema

schließen

Link empfehlen

Mit der Inanspruchnahme des Services willigen Sie in folgende Vorgehensweise ein:

Ihre eigene E-Mail-Adresse und die des Empfängers werden nur zu Übertragungszwecken verwendet - um den Adressaten über den Absender zu informieren, bzw. bei einem Übertragungsfehler eine Benachrichtigung zu übermitteln. Um einen Missbrauch dieses Services zu vermeiden, wird Geldtipps.de die Identifikationsdaten (IP-Adresse) jedes Nutzers der versandten E-Mail in Form eines E-Mail-Header-Record (X-Sent-by-IP) beifügen und für einen Zeitraum von zwei Monaten speichern. Sofern Dritte glaubhaft machen, dass sie durch die Versendung eines Artikels im Rahmen dieses Services in ihren Rechten verletzt wurden, wird Geldtipps.de die Identifikationsdaten zur Rechtsverfolgung herausgeben.