Erhebliche Qualitätsunterschiede zwischen Krankenhäusern – Krankenhaus-Navis helfen bei der Auswahl

Dass zwischen den einzelnen Krankenhäusern erhebliche Qualitätsunterschiede bestehen, haben inzwischen verschiedene Untersuchungen belegt. Vergleichen lohnt sich also.

Zuletzt hat das Wissenschaftliche Institut der AOK (WIdO) für einen Klinikvergleich Daten von 103000 AOK-Versicherten ausgewertet, die sich zwischen 2010 und 2012 in 946 Kliniken Blinddarmoperationen unterziehen mussten. Bei der Untersuchung ging es um die Häufigkeit von Komplikationen. Die Krankenhäuser wurden dabei nach der Höhe der Komplikationsrate in vier Viertel (Quartile) eingeteilt.

Im besten Quartil lag der Anteil der Patienten mit Komplikationen bei 3,23 Prozent. Betroffen war jeder 31. Patient. Im schlechtesten Quartil lag die Komplikationsrate bei 7,88 %. Hier war jeder 13. Patient von Komplikationen betroffen. Vermutlich würden Sie Wert darauf legen, im Falle eines Falles Ihren Blinddarm in einer der besseren Kliniken entfernen zu lassen. Beim Beispiel Blinddarm ist eine Krankenhauswahl allerdings häufig nicht möglich – jedenfalls dann nicht, wenn es sich um einen akuten Notfall handelt.

In vielen anderen Fällen sind Eingriffe allerdings planbar. In solchen Fällen sollten Sie nicht einfach irgendein Krankenhaus in Ihrer Nachbarschaft wählen. Lassen Sie sich von Ihrem Arzt beraten, kontaktieren Sie Selbsthilfegruppen oder lassen Sie sich von der Unabhängigen Patientenberatung Deutschland beraten. Vor allem aber: Nutzen Sie die Krankenhaus-Navis, die alle großen gesetzlichen Krankenkassen auf ihren Internetseiten anbieten. Navigatoren, die gesetzlich Versicherten helfen, ein zur Behandlung ihrer jeweiligen Gesundheitsprobleme gut geeignetes Krankenhaus auszuwählen. Falls Sie selbst mit dem Internet nicht vertraut sind, bitten Sie Angehörige oder Freunde, Ihnen zu helfen.

Die Kassen stützen sich bei ihren Navis auf die von dem Projekt Weisse Liste ausgewerteten Qualitätsberichte der Krankenhäuser sowie auf Patientenbefragungen. Hinter dem Projekt stehen die Bertelsmann-Stiftung sowie Patienten- und Verbraucherorganisationen.

Die offiziellen Qualitätsberichte bieten u.a. Daten darüber, wie häufig an bestimmten Krankenhäusern Operationen durchgeführt wurden und welchen Erfolg die Behandlungen hatten. Solche strukturierten Qualitätsberichte müssen alle Krankenhäuser, die für gesetzlich Krankenversicherte infrage kommen, inzwischen jährlich nach § 137 SGB V abgeben. Dazu gehören auch Privatkliniken, mit denen gesetzliche Krankenkassen einen Versorgungsvertrag abgeschlossen haben. Nicht dazu gehören jedoch die ca. 180 Privatkliniken, mit denen kein solcher Vertrag besteht. Für diese Krankenhäuser besteht keine Verpflichtung, Qualitätsberichte abzugeben.

In der Patientenbefragung geht es um die Beurteilung der fachlichen Kompetenz durch die Betroffenen, um die Beziehung zu Ärzten und Pflegepersonal, den Service, den Behandlungserfolg und vor allem wird die Bereitschaft erhoben, das Krankenhaus weiterzuempfehlen. Wichtig dabei: Die Navis sind jeweils frei zugänglich, also nicht nur für Versicherte der jeweiligen Kassen, sondern – beispielsweise – auch für privat Krankenversicherte.

Der Einleitungstext der Checkliste Krankenhausaufenthalt, der auf den Internetportalen der Krankenkassen und der Weißen Liste zu finden ist, liest sich dabei wie ein Verbraucher-Ratgeber: Wer ins Krankenhaus muss, hat viele Fragen. Welche Klinik ist für eine bestimmte Behandlung besonders gut geeignet? Wie häufig wird diese dort durchgeführt und mit welchem Erfolg? Wie spezialisiert sind die Ärzte? Und wie ist die Klinik ausgestattet?

Diese Verbrauchernähe der Krankenversicherungen ist hierbei kein Zufall, sondern entspricht auch den ökonomischen Interessen der Kassen: Nichts kommt die Kassen teurer zu stehen als schlecht durchgeführte Operationen, die dann wieder Nachfolgekosten nach sich ziehen. Daher ist es ausdrückliches Ziel der Navis, die freie Krankenhauswahl zu fördern. Wenn Hüftoperationen etwa in einer Hamburger Klinik bestmöglich durchgeführt werden, dann ist es nicht nur im Interesse der Patienten, sondern auch im Interesse der Krankenkasse, in der ein Betroffener versichert ist, dass diese OP nicht in einer Klinik im Heimatort des Versicherten, die sich kaum mit solchen OPs auskennt, durchgeführt wird. So weit, dass dann auch noch die dem Patienten zusätzlich entstehenden Fahrtkosten erstattet werden, sind die Kassen allerdings noch nicht. Für die meisten Versicherten dürfte dieser Aspekt allerdings nicht entscheidend sein.

Die Navis sind weitgehend identisch, für eine Reihe von Krankheiten bietet der Gesundheitsnavi der AOK allerdings einen Zusatznutzen. Hier findet man nämlich – bezogen auf ausgewählte OP-Eingriffe – Zusatzdaten.

Dabei hat die AOK für

  • das Einsetzen eines künstlichen Hüftgelenks bei Gelenkverschleiß
    (Arthrose),

  • das Einsetzen eines künstlichen Hüftgelenks nach einem hüftgelenknahen Oberschenkelbruch,

  • das Einsetzen eines künstlichen Kniegelenks bei Gelenkverschleiß
    (Arthrose),

  • die Gallenblasenentfernung bei Gallensteinen,

  • den therapeutischen Herzkatheter (PCI) bei Patienten ohne Herzinfarkt und

  • die Blinddarmentfernung

auf Grundlage von Routinedaten für AOK-Versicherte, die automatisch vom Krankenhaus an die Kasse übermittelt werden, erhoben, ob nach einer Operation im Krankenhaus Komplikationen aufgetreten sind und eine erneute Operation erforderlich war. Dies gibt damit direkte Hinweise zur Behandlungsqualität bei den genannten Eingriffen/ Erkrankungen. Wer sich für die oben genannten Eingriffe interessiert, sollte direkt den AOK-Navi nutzen.

Tipps zum Umgang mit dem Navi

Sie sollten folgendermaßen vorgehen: Geben Sie zunächst zu Ihrer Krankheit bzw. zu der gewünschten erforderlichen Operation die medizinische Bezeichnung ein. Nehmen wir an, Sie haben ein Aneurysma, das operationsbedürftig ist. Dann geben Sie diesen Begriff in den Krankenhaus-Navi ein. Da die Bezeichnung nicht völlig eindeutig ist, werden nun verschiedene Möglichkeiten angezeigt. Die passende könnte hier sein: Aussackung (Aneurysma) bzw. Aufspaltung der Wandschichten der Hauptschlagader. Klicken Sie diese an.

Besser wäre es noch, wenn Sie vorab Ihren Arzt nach der korrekten ICD gefragt hätten. Ggf. können Sie diese auch Ihren Arztberichten entnehmen. ICD ist eine englische Abkürzung und steht für Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme. Hierbei handelt es sich um das wichtigste Diagnoseklassifikationssystem der Medizin. In den Navis finden Sie übrigens auch einen Befunddolmetscher.

Nachdem Sie den ersten Schritt der Krankheitsangabe bewältigt haben, können Sie nun Ihre Suche regional eingrenzen. Sie können Ihre Postleitzahl eingeben und darüber hinaus, in welcher Entfernung von Ihrem Wohnort sich das Krankenhaus befinden soll. Bei einer komplizierten Operation kann es nicht schaden, die Möglichkeit bundesweit zu wählen. Klar ist natürlich: Dadurch wird die Suche unübersichtlicher. Gerade in größeren Städten finden sich in aller Regel aber auch am Wohnort gut bewertete Krankenhäuser.

Nun können Sie Krankenhaussuche anklicken. Bei der Beispiel-Krankheit werden bei Wahl der Option bundesweit 1176 Krankenhäuser gefunden, die die von Ihnen gewünschte OP anbieten. Um die Sache für Sie handhabbar zu machen, können Sie die Krankenhäuser sortieren. Unsere Empfehlung wäre dabei: Stellen Sie die Sortierung nach Zahl der Behandlungsfälle an. Derzeit (Juni 2015) werden dabei die Fälle von 2013 angezeigt. Die Datenbank zeigt Ihnen nun die zehn Krankenhäuser an, die Ihre Krankheit am häufigsten behandelt haben.

Viele Krankenhäuser haben die hier interessierende OP 2013 nur ein einziges Mal bzw. nur wenige Male durchgeführt. Diese sollten Sie im Normalfall ausschließen. Wir haben hier nur die Top 5 für Aneurysma-OPs ausgewählt. Dies sind

  • das Klinikum Wolfsburg,

  • das Deutsche Herzzentrum Berlin,

  • das Universitätsklinikum Münster,

  • St.-Franziskus-Hospital GmbH Münster und das

  • Universitätsklinikum Heidelberg.

Diese Krankenhäuser haben den hier interessierenden medizinischen Eingriff 2013 jeweils zwischen 327- und 532-mal durchgeführt. Sie haben damit mit dem Eingriff weit überdurchschnittlich viel an Erfahrungen gesammelt.

Weiterhin finden Sie in den Portalen auch noch den Zufriedenheitswert. Angegeben wird dabei, wie viel Prozent der befragten Patienten das jeweilige Krankenhaus ihrem besten Freund weiterempfehlen würden. Dies sind beim Deutschen Herzzentrum mit 89 %, bei der St.-Franziskus-Hospital GmbH Münster (88 %) und beim Universitätsklinikum Heidelberg (86 %) jeweils überdurchschnittlich viele. Der Durchschnittswert liegt bei 82 %.

Detailliertere Informationen wollen Sie möglicherweise gar nicht haben, weil mehr Infos für Sie nur Verwirrung stiften. Dann sollten Sie auf der skizzierten Informationsbasis mit dem Sie behandelnden Fach-/ Hausarzt entscheiden, welches Krankenhaus Sie auswählen. Ggf. möchten Sie allerdings noch weiter gehen. Dann können Sie die o.g. Top 5 jeweils anklicken und erhalten mehr Detailinformationen.

Beim Universitätsklinikum Heidelberg können Sie beispielsweise detaillierte Informationen zu Teilkliniken erhalten. Bei der hier interessierenden Beispiel-Krankheit sind vor allem die Daten der Klinik für Gefäßchirurgie und endovaskuläre Chirurgie wichtig. Diese nimmt in Heidelberg die meisten Aneurysma-Operationen vor. Jede vierte hier vorgenommene OP fiel 2013 in diesen Bereich. Die Zufriedenheitswerte dieser Klinik (87 %) sind für Sie wesentlich wichtiger als die des Gesamt-Klinikums. Zudem steht hier weniger die Zufriedenheit mit dem (weniger wichtigen Bereich) Service im Vordergrund. 87 % der Patienten waren vielmehr mit der medizinischen Betreuung zufrieden.

Für Fast-Experten lohnt sich noch ein Blick auf die detaillierten Qualitätsberichte des Gemeinsamen Bundesausschusses. Diese findet man unter http://www.g-ba-qualitaetsberichte.de/. Hier kann man die Klinik eingeben, für die man sich interessiert, und erhält detaillierte Informationen bis hin zur Sterblichkeitsrate bei bestimmten Krankheiten. Nicht-Fachleute dürften von der Datenflut allerdings häufig erschlagen werden.

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