Die häusliche Pflege von Angehörigen kostet nicht nur Geld

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(verpd) Die häusliche Pflege wird derzeit hauptsächlich von Frauen übernommen. Das fand die Hans-Böckler-Stiftung in einer kürzlich veröffentlichten Befragung von über 1.000 Pflegehaushalten in Deutschland heraus. Am häufigsten pflegen Töchter ihre Eltern oder Ehefrauen ihre Männer. Der zeitliche sowie der finanzielle Aufwand für Pflegetätigkeiten steigen mit dem Grad der Pflegebedürftigkeit des Betroffenen.

In der Studie Pflege in den eigenen vier Wänden: Zeitaufwand und Kosten der Hans-Böckler-Stiftung analysierten die Autoren die zeitlichen und finanziellen Aufwendungen privater Haushalte für die häusliche Versorgung von Pflegebedürftigen. Die empirische Untersuchung wurde von November 2015 bis Juni 2016 durchgeführt. In die Auswertung wurden Befragungsergebnisse von 1.024 Pflegehaushalten in Deutschland einbezogen.

Um an die Adressen der Haushalte mit Pflegebedarf zu gelangen, kooperierte die Stiftung mit neun Krankenkassen. Diese setzten sich mit 21.000 infrage kommenden Versicherten in Kontakt. Die letztendlichen Befragungen erfolgten telefonisch.

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Wer pflegt seine Angehörigen und welche Hilfe zieht er heran?

Der Umfrage zufolge werden bei einer häuslichen Pflege 26 Prozent der Pflegebedürftigen von der Ehefrau, 22 Prozent vom Ehemann, 29 Prozent von einer Tochter und zehn Prozent von einem Sohn, fünf Prozent von der Schwiegertochter und ein Prozent vom Schwiegersohn des Betroffenen gepflegt. Alle anderen werden von anderen Verwandten, Bekannten oder sonstigen Personen gepflegt.

Pflegt eine männliche Person ihre Angehörigen, so war diese Hauptpflegeperson durchschnittlich 72 Jahre alt, bei weiblichen Pflegenden waren es 64 Jahre. Dieser Altersunterschied hängt damit zusammen, dass am häufigsten die Töchter die Pflegetätigkeiten übernehmen. Die pflegenden Kinder sind im Schnitt 58 Jahre alt, Ehepartner circa 76 Jahre alt.

20 Prozent der Befragten gaben an, ihren Angehörigen ohne Freunde, Nachbarn oder professionelle Hilfe, also ganz allein zu pflegen. Dabei zeigte sich, dass vor allem die Generation der Eheleute allein für den pflegebedürftigen Partner sorgt. Die jüngeren Familienangehörigen wie Kinder oder Schwiegerkinder holen sich indes häufiger professionelle Hilfe von außerhalb.

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Bedarf an externer Hilfe ist auch vom Pflegegrad abhängig

Die externe Hilfeleistung, die dann am häufigsten herangezogen wird, sind ambulante Pflegedienste. Ihre Inanspruchnahme steigt mit der Pflegestufe deutlich an. Unabhängig von der Pflegestufe des Bedürftigen gab durchschnittlich jeder dritte Pflegehaushalt an, eine Putzkraft engagiert zu haben.

In der Studie wird aufgrund des Untersuchungszeitraums noch auf die bis Ende 2016 geltenden Pflegestufen 0 bis drei verwiesen. Seit dem 1. Januar 2017 erfolgt gemäß der Pflegereform eine Einstufung in fünf Pflegegrade. Die Einstufung in einen der fünf Pflegegrade wird nunmehr anhand eines Punktesystems und nicht wie noch bis 2016 aufgrund des notwendigen Zeitaufwandes für die Pflege vorgenommen.

Wer zum Beispiel bisher Pflegestufe 2 hatte, wurde 2017 automatisch in Pflegegrad 3 eingestuft. Demenzerkrankte erhielten automatisch zwei Pflegegrade mehr als bisher. Hat ein Demenzkranker bisher keine körperlichen Gebrechen und war daher in Pflegestufe 0 eingestuft, bekommt er ab 2017 nun Pflegegrad 2. Näheres zur Pflegeeinstufung enthält das Webportal des Medizinischen Dienstes (MDS) www.pflegebegutachtung.de.

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So viel Zeit nimmt häusliche Pflege in Anspruch

Der durchschnittliche Zeitaufwand, der für die häusliche Pflege aufgewendet werden muss, zum Beispiel um den Pflegebedürftigen zu waschen, dessen Haushalt zu führen oder ihm sonstige Unterstützung zu geben, beträgt fast 63 Stunden in der Woche. Davon werden im Schnitt rund 49 Stunden alleine von der Hauptpflegeperson geleistet, das ist mehr als bei einem Vollzeitjob. Da ist es keine Überraschung, dass 30 Prozent der Hauptpflegepersonen im erwerbsfähigen Alter einer Teilzeitbeschäftigung nachgingen und 44 Prozent gar nicht berufstätig waren.

Laut der Hans-Böckler-Stiftung riskieren die Pflegenden damit "im Alter selber mit wenig Geld dazustehen". Und weiter: "Die gesetzliche Pflegezeit nutzten lediglich sechs Prozent der berufstätigen Hauptpflegepersonen." Fast ein Drittel der befragten Hauptpflegepersonen im erwerbsfähigen Alter gab an, ihre bisherige Arbeitszeit im Job aufgrund der Pflege reduziert zu haben. Nur 26 Prozent der Hauptpflegepersonen, die noch nicht Rentenbezieher waren, übten eine Vollzeitbeschäftigung aus.

Doch nicht nur die Pflegenden, auch die Pflegebedürftigen haben finanzielle Einbußen: Mit steigender Pflegestufe wachsen nämlich die finanziellen Belastungen, die Pflegehaushalte aufbringen müssen. Dabei entstehen nicht nur Kosten für professionelle Hilfeleistungen, Medikamente und Therapien. Auch für informelle Helfer wie Freunde, weitere Angehörige oder Nachbarn und für die Hauptpflegepersonen entstehen Kosten, wie aus den Studienunterlagen hervorgeht.

Was die Pflege zusätzlich kostet

Rechnet man alle Kosten zusammen, kommen laut Studienautoren für jeden Pflegehaushalt durchschnittlich monatlich rund 360 Euro zusammen, die laut der Hans-Böckler-Stiftung nicht durch die sogenannten Pflegesachleistungen der gesetzlichen Pflegeversicherung ersetzt werden. Ebenso könne das Pflegegeld, das ein Teil der Pflegebedürftigen erhält, diese Ausgaben nur bedingt kompensieren. Die Ausgaben steigen mit dem Grad der Pflegebedürftigkeit an; beim höchsten Grad, ehemals Pflegestufe III, sind es im Schnitt über 680 Euro.

Im Durchschnitt fließt rund ein Fünftel des Haushaltseinkommens in Aufwendungen der häuslichen Pflege. Das monatliche Netto-Durchschnittseinkommen, also inklusive Renten, Arbeitseinkünften und Pflegegeld sowie sonstige Einkünfte eines Pflegehaushaltes, lag bei 2.392 Euro, der Median bei 2.000 Euro.

Bei den einkommensstarken Haushalten mit mehr als 3.600 Euro Monatsnettoeinkommen – das war nur jeder zehnte Haushalt – lag der prozentuale Anteil bei nur rund zwölf Prozent, obwohl sie im Durchschnitt mehr, nämlich rund 644 Euro monatlich für die Pflege aufwendeten. Dagegen mussten die einkommensschwachen Haushalte mit weniger als 1.300 Euro Monatsnettoeinkommen – das war fast jeder fünfte Pflegehaushalt – rund 39 Prozent ihres Einkommens für die Pflege aufwenden.

Finanzielle Pflegevorsorge ist unverzichtbar

Einen Überblick, welche Leistungen die gesetzliche Pflegeversicherung für eine ambulante Pflege übernimmt, gibt das Onlinetool Pflegeleistungs-Helfer des Bundesministeriums für Gesundheit (BMG). Betroffene können sich zudem von einem Pflegeberater – entsprechende Adressen können unter anderem bei der gesetzlichen Krankenkasse erfragt werden – kostenlos beraten lassen.

Wie die Studienergebnisse zeigen, ist jedoch eine private finanzielle Vorsorge für den Pflegefall unverzichtbar, da der Pflegende wie auch der Pflegebedürftige mit einer zum Teil enormen finanziellen Mehrbelastung rechnen müssen. Auch nach aktuellen Angaben des BMG deckt die soziale Pflegeversicherung häufig nicht alle Kosten der Pflege ab. Den Rest tragen die Pflegebedürftigen oder ihre Familien selbst. Die Pflegeversicherung wird deshalb auch als Teilleistungs-Versicherung bezeichnet.

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