Offene Immobilienfonds in Not: Der Ausleseprozess geht weiter

 - 

Jahrzehntelang lief für die Sparer alles glatt. Auch vorsichtige Menschen, die Aktien sorgsam mieden, steckten viel Geld in offene Immobilienfonds, die ihnen von Sparkassen und Bankberatern meist wärmstens empfohlen wurden. Doch schon vor der US-Immobilienkrise zeigten sich bei den Fonds die ersten Risse im Beton. Jetzt fordert die Liquiditätskrise unter den offenen Immobilienfonds weitere Opfer.

Zwei Jahre nachdem wegen erheblicher Mittelabflüsse insgesamt 12 Fonds dichtmachten, kündigte die Fondsgesellschaft Morgan Stanley die endgültige Auflösung ihres rund 852 Mio. Euro schweren Fonds Morgan Stanley P2 Value an. Schon zuvor hatten bereits die Wettbewerber Kanam Grund und Aberdeen beschlossen die Fonds Kanam US-Grundinvest und Degi Europa aus dem Verkehr zu ziehen. Insgesamt eine traurige Premiere für die Anleger. Denn es ist das erste Mal in der 51 jährigen Geschichte der Branche, dass Immobilienfonds zwangsabgewickelt werden müssen.

Alle drei Produkte waren seit Oktober 2008 durchgängig eingefroren und hätten nach Ablauf der maximal zulässigen Sperrfrist von zwei Jahren Ende Oktober öffnen müssen. Doch trotz des Notverkaufs von Immobilien reichten die liquiden Mittel nicht aus, um alle verkaufswilligen Anleger auszuzahlen.

Wer mit seiner Anlage von der Auflösung betroffenen ist, braucht nun Geduld. Morgan Stanley und Aberdeen werden die verbliebenen Gebäude innerhalb der nächsten drei Jahre verkaufen und die Erlöse halbjährlich an die Anleger ausschütten. Der kleinste der drei Fonds, der Kanam US-Grundinvest wird bereits bis März 2012 abgewickelt. Dabei drohen den Anlegern weitere Verluste. Zwar besteht die Chance, dass sich die von der Finanzkrise getroffenen Immobilienmärkte wieder etwas erholen und die Preise steigen. Ob aber davon die Fonds, die unter Verkaufsdruck stehen, profitieren können, ist mehr als fraglich

Tipp
Praktisch alle größeren offenen Immobilienfonds werden an ein oder mehreren Börsen gehandelt. Wer in einem Fonds gefangen ist, der vorübergehend geschlossen oder sogar in den nächsten Jahren zwangsweise aufgelöst wird, braucht deshalb nicht zu warten und kann die Anteile sofort über die Börse z. B. in Hamburg verkaufen. Wer verkauft ist die Unsicherheit über die weitere Entwicklung los und muss nicht vor einer weiteren Talfahrt zittern.


Gegen den Verkauf an der Börse spricht, dass die Kurse der drei Fonds bereits dramatisch eingebrochen sind. Sie notieren weit unter dem zuletzt veranschlagten Wert für das Fondsvermögen. Der Börsenkurs des Degi Europa liegt 35  Prozent unter dem letzten Fondspreis. Beim P2 Value beträgt der Abschlag 36  Prozent und beim Kanam US-Grundinvest gar 38  Prozent. Im Vergleich der aktuellen Kurse mit den Anteilspreisen vor der Aussetzung im Oktober 2008, ergeben sich Einbußen von bis zu 75  Prozent.

Weiteren offenen Immobilienfonds droht die endgültigen Schließung

Angesichts der erneuten Zuspitzung der Branchenkrise ist nicht damit zu rechnen, dass die übrigen eingefrorenen Fonds so bald wieder eröffnet werden. Insgesamt sind momentan 12 offene Immobilienfonds geschlossen, die zusammen rund 25 Mrd. Euro verwalten. Da die meisten Fonds nach der ersten Schließung vorübergehend kurz geöffnet hatten, läuft die Zwei-Jahresfrist bei ihnen erst später ab

Neue gesetzliche Regelungen für offene Immobilienfonds ab 2011

Aktuell ist der Gesetzgeber dabei, durch das sogenannte Anlegerschutzgesetz, Änderungen bei den Regelungen für offene Immobilienfonds im nächsten Jahr einzuführen. Konkret geplant ist eine Mindesthaltefrist von 24 Monaten und bei Rückgabe im 3. Jahr soll ein Abschlag von 10  Prozent, im 4. Jahr von 5  Prozent auf den Anteilswert anfallen. Mit dieser Regelung zielt der Gesetzgeber vor allem auf die institutionellen Großanleger. Diese missbrauchten die offenen Immobilienfonds in der Vergangenheit allzu oft als rentable kurzfristige Parkstation. Millionen Euro wurden angelegt und bei Bedarf schnell wieder abgezogen. Dies gilt als einer der Gründe für die Krise offener Immobilienfonds.

Um Kleinanleger nicht über Gebühr zu belasten ist eine Freibetrag von 5000 Euro im Kalendermonat geplant. In Höhe dieses Betrags kann ohne Beachtung der geplanten Mindesthaltefrist von 2 Jahren und ohne gesetzliche Abschläge ein Privatanleger monatlich Gelder aus einem offenen Immobilienfonds abziehen. Das Gesetz wird Anlegern, die von den Fondsauflösungen betroffen sind aber nicht mehr helfen. Zumal sich die gesetzlichen Regelungen einseitig gegen die Anleger richtet.

Was fehlt ist, dass auch die Investmentgesellschaften in Haftung genommen werden. So könnten diese z. B. verpflichtet werden im Notfall für Liquidität im Fonds zu sorgen und den Anlegern das Geld auszuzahlen. Die neue Regelung geht auch das Problem mit den Gutachtern nicht an. Bisher werden die Gutachter von den Fonds bestellt. Es wäre besser, wenn dies eine unabhängige Stelle übernehmen würde.

Die ersten Anleger suchen sich nun Rat bei Anwälten

Wer die enormen Verluste nicht einfach hinnehmen möchte, dem steht noch ein anderer Weg offen: Eine Klage vor Gericht. Deshalb suchen nun einige von der Zwangsauflösung betroffene Anleger Rat bei Anwälten. Ihre Absicht: Die Vermittler von Anteilen an offenen Immobilienfonds wegen Falschberatung oder die Fondsgesellschaften wegen Fehlern im Prospekt zu verklagen.

Tipp
Haben Banken oder Finanzberater den Kunden nicht auf mögliche Risiken der Fonds hingewiesen, könnten Anleger versuchen Schadensersatz fordern. Denn spätestens seit Ende 2005 hätten die Verkäufer der Anteilsscheine eigentlich darauf hinweisen müssen, dass ein Fonds bei einem Liquiditätsengpass die Rücknahme von Anteilsscheinen aussetzen kann. Damals hatte erstmals ein offener Immobilienfonds, der Grundbesitz Invest der Deutschen Bank die Rücknahme von Anteilsscheinen ausgesetzt. Der Fonds war allerdings kurz danach wieder geöffnet worden. Nach Einschätzung von Anwälten müssen Verkäufer, ihre Kunden auch darauf hinweisen, dass ein Fonds im schlimmsten Fall abgewickelt werden muss, wenn die Liquidität fehlt.

Um zu prüfen, ob Schadenersatzansprüche geltend gemacht werden können ist es wichtig die Verjährungsfristen zu kennen. Denn Schadensersatzansprüche verfallen, wenn sie nicht rechtzeitig geltend gemacht werden.

War der Fonds-Verkäufer eine Bank, verjähren Schadensersatzansprüche drei Jahre nach dem Kauf der Anteile.

War der Verkäufer der Anteile ein freier Finanzberater, verjähren die Schadensersatzansprüche erst drei Jahre nachdem der Anleger von der mangelnden Risikoberatung erfahren hat.

Tipp
Wer beabsichtigt wegen seinem Reinfall mit offenen Immobilienfonds auf dem Klageweg Schadenersatzansprüche anzumelden, sollte sich den Rat von erfahrenen Anwälten mit Spezialisierung auf das Fachgebiet Kapitalanlegerschutz sichern. Dazu gehören unter anderem z. B. der Rechtsanwalt Klaus Nieding (niedingbarth.de), Rechtsanwalt Andreas Tilp (tilp.de) und Rechtsanwalt Peter Mattil (kaerner.de).

Nicht alle offenen Immobilienfonds über einen Kamm scheren

Die Krise trifft jedoch nicht alle Fonds gleichermaßen. Es gibt durchaus offene Immobilienfonds, die sich in den vergangenen Jahren wacker geschlagen haben. Der Deka Immobilien Europa (WKN: 980956) z. B. erreichte eine Drei-Jahres-Performance von 3,7 Prozent p. a. Die Gesamtkostenquote ist mit 0,76 Prozent relativ günstig. Zu den besseren offenen Immobilienfonds gehört auch der Grundbesitz Europa (WKN: 980700) von der Deutschen Bank.

Tipp
Der happige Ausgabeaufschlag von bis zu 5 Prozent für den Deka Immobilien Europa beispielsweise lässt sich mit einer Order an der Börse spürbar verringern. An der Frankfurter Börse liegt der Spread (Spanne zwischen An- und Verkaufskurs) nur bei rund 0,2 Prozent.

Weitere News zum Thema

  • Rohstoff-ETFs: Rendite-Chancen mit Risiken

    [] Rohstoffaktien waren in den letzten Jahren an der Börse stark unter Druck. Kein Wunder. Die Weltwirtschaft schwächelt, Chinas Konjunkturmotor stottert – und der kräftige Ausbau der Förderkapazitäten in den Vorjahren sorgt dafür, dass das Angebot die Nachfrage übersteigt. mehr

  • Altersvorsorge: Trotz Niedrigzins keine Illusion

    [] (tm) Die meisten Menschen wollen ihre Zukunft finanziell absichern, wozu eine gut aufgestellte Altersvorsorge nötig ist. Das scheint durch den Niedrigzins aber unmöglich geworden zu sein. Dabei existieren neben dem traditionellen Sparbuch auch andere vielversprechende Anlageformen. mehr

  • Besteuerung von Investmentfonds wird vereinfacht

    [] Bekannte Steuergestaltungsmodelle werden ausgeschlossen und die Gefahr von neuen Gestaltungsmissbräuchen erheblich reduziert. EU-rechtliche Risiken, die sich heute aus den unterschiedlichen Besteuerungsregelungen für inländische und ausländische Investmentfonds ergeben, werden ausgeräumt. mehr

Weitere News zum Thema

schließen

Link empfehlen

Mit der Inanspruchnahme des Services willigen Sie in folgende Vorgehensweise ein:

Ihre eigene E-Mail-Adresse und die des Empfängers werden nur zu Übertragungszwecken verwendet - um den Adressaten über den Absender zu informieren, bzw. bei einem Übertragungsfehler eine Benachrichtigung zu übermitteln. Um einen Missbrauch dieses Services zu vermeiden, wird Geldtipps.de die Identifikationsdaten (IP-Adresse) jedes Nutzers der versandten E-Mail in Form eines E-Mail-Header-Record (X-Sent-by-IP) beifügen und für einen Zeitraum von zwei Monaten speichern. Sofern Dritte glaubhaft machen, dass sie durch die Versendung eines Artikels im Rahmen dieses Services in ihren Rechten verletzt wurden, wird Geldtipps.de die Identifikationsdaten zur Rechtsverfolgung herausgeben.