Bürgerdividende entpuppt sich als riskante Unternehmensanleihe

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Bundesumweltminister Peter Altmaier (CDU) versprach den Bürgern vor einigen Wochen eine sichere finanzielle Beteiligung am Ausbau des deutschen Stromnetzes. Doch zumindest bei der seit Anfang Juni 2013 laufenden Finanzierung der Westküsten-Leitung in Schleswig-Holstein handelt es sich um eine spekulative Hybrid-Anleihe mit ungeschütztem Ausfallrisiko und möglichem Totalverlust.

In den Kreisen Dithmarschen und Nordfriesland bekamen 160.000 Haushalte Post von der TenneT TSO GmbH, die die 150 Kilometer lange Hochspannungsleitung von der Nordseeküste nach Süden baut, mit dem Angebot, sich finanziell am Trassenbau beteiligen zu können. Nach eigener Darstellung des Unternehmens handelt es sich bei der angebotenen Hybrid-Anleihe um eine Mischform aus Fremd- und Eigenkapital. Hybrid-Anleihen liegen laut TenneT bei Risiko und Rendite zwischen klassischen Anleihen (niedriges Risiko, niedrige Ertrags-Chance) und Aktien (hohes Risiko, hohe Ertrags-Chance). Sie seien halb Darlehen, halb unternehmerisches Risiko und böten wegen dieses höheren Risikos eine höhere Verzinsung als klassische Festgelder. Die Anleihe wird vom Mutterkonzern der TenneT, nämlich der staatlichen TenneT Holding B.V. mit Sitz im niederländischen Arnheim, herausgegeben.

Käufe sind ab 1.000 € möglich. Wer im Umkreis von fünf Kilometern um die Trasse der neuen Westküsten-Leitung wohnt, erhält eine bevorzugte Zuteilung von bis zu 10.000 €. Die Zinsen auf die Anleihe betragen bis zum Baubeginn der Trasse 3 % pro Jahr (geplanter Baubeginn: 2015). Mit dem Baubeginn steigt der jährliche Zinssatz auf 5 %. Die Zinsen werden einmal im Jahr ausgezahlt. Fünf Prozent Zinsen p.a. sind 3-4 Prozentpunkte p.a. mehr als sichere Festgeldanlagen derzeit abwerfen, aber 2-3 Prozentpunkte p.a. weniger als Mittelstandsanleihen bringen können. Etwa 1.750 Haushalte haben die Zeichnungsunterlagen angefordert. Dabei handelt es sich um einen 85 Seiten umfassenden Verkaufsprospekt. Gekauft werden kann die Unternehmensanleihe bis Ende August 2013.

Doch Finanzexperten raten davon ab. Anders als vom Bundesumweltministerium versprochen, kauft der Bürger mit dieser "Bürgeranleihe" keine Beteiligung an der Stromleitung hinter seinem Haus. Er kauft noch nicht mal eine Beteiligung am Betreiber der Leitung, etwa in Form von Aktien. Stattdessen gibt der Ökoanleger der Betreiberholding TenneT einen Kredit, nichts anderes ist eine Unternehmensanleihe.

Bei Anleihen geht es am Ende immer um die Frage, ob der Emittent das Geld zurückzahlen kann. Im Insolvenzfall wird das Geld aus dieser "Bürgeranleihe" nicht wie zuvor behauptet vom deutschen Staat garantiert. Im Gegenteil: Weil die Anleihe nachrangig ist, werden die Bürger als Letzte bedient. Im schlimmsten Fall gar nicht. Ihnen droht der Totalverlust ihres investierten Gelds. Angesichts dieses Risikos ist der Zinssatz von 5 % p.a. viel zu niedrig. Die Rendite müsste bei mindestens 7 % p.a. liegen.

Außerdem hat die Unternehmensanleihe keine feste Laufzeit. Der Baubeginn ist für das Jahr 2015 geplant. Der Bauabschluss und damit die Rückzahlung des investierten Gelds soll nach der aktuellen Planung des Unternehmens im Jahr 2018 erfolgen. Doch ein fixiertes Rückzahldatum gibt es nicht. Wer will, kann seine "Bürgeranleihe" zwar jederzeit an der Börse verkaufen, doch ob sie dort jemand kaufen will, ist fraglich, zumal ihre Handelbarkeit gering sein dürfte.

Die Ratingagentur Standard & Poors vergab für diese Nachranganleihe die Note BBB, die "investment grade" bedeutet. Diese Bewertung wird vergeben für "Schuldner mittlerer Güte, die momentan zufriedenstellend agieren". Moodys bewertete die Anleihe geringfügig schlechter, und zwar mit BAA3, für "lower medium grade". Das bedeutet im Klartext: "Durchschnittlich gute Anlage. Bei Verschlechterung der Gesamtwirtschaft ist aber mit Problemen zu rechnen".

Der Prospekt der Unternehmensanleihe räumt dem Konzern schon jetzt das Recht ein, die Höhe des Zinssatzes von 5 % p.a. zu senken oder die Zinszahlung aufzuschieben, falls das Geld zum ursprünglichen Auszahlungszeitpunkt knapp sein sollte. Und das ist vielfach bereits jetzt der Fall. Im Norden Deutschlands konnte TenneT fertiggestellte Windparks mehrmals nicht sofort ans Stromnetz anschließen, weil es der Firma an Geld fehlte.

Unser Geldtipp

Sie sollten sich diese Investition lieber sechsmal überlegen, denn sie beinhaltet sechs verschiedene Risiken. Diese können in folgenden unvorhersehbaren Ereignissen bestehen: 1) in einem verzögerten Baubeginn mit einer entsprechend später beginnenden Erhöhung des Zinssatzes, 2) im Liquiditätsrisiko des Emittenten, das von seinem Zugang zum Kapitalmarkt bestimmt wird, 3) in Zinsaufschüben durch den Emittenten, 4) in Zinssenkungen durch den Emittenten aufgrund von Anpassungen des regulierten Eigenkapitalzinses durch die Bundesnetzagentur, 5) in Bonitätsverschlechterungen des Emittenten mit folgenden Kursverlusten am Sekundärmarkt und vor allem im Falle einer Insolvenz 6) in der Nachrangigkeit der Gläubiger gegenüber anderen Verbindlichkeiten des Emittenten.

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