Mittelstandsanleihen: Gefährliches Spiel mit klangvollen Namen

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Seit der Finanzkrise sind die Banken bei der Kreditvergabe an Unternehmen vorsichtig geworden und fordern von Kreditnehmern hohe Sicherheiten ein. Deshalb ist der Mittelstand gezwungen, sich vermehrt nach alternativen Finanzierungsformen umzusehen. Sogenannte Mittelstandsbonds füllen diese Lücke.

Unternehmen geben diese Schuldverschreibungen aus, um teils recht kurzfristig ihren längerfristigen Kapitalbedarf zu decken. Seit 2010 gibt es diese Form von Anleihen, gehandelt wurden sie zuerst am Bond-M-Segment der Börse in Stuttgart. Die Börsen in Frankfurt, Düsseldorf und München zogen inzwischen nach. Viele Menschen schätzen die bodenständigen Werte des Mittelstands und werden von den hohen Renditen der Mittelstandsanleihen angelockt.

Gerne wird der Mittelstand als das Rückgrat der deutschen Wirtschaft bezeichnet. Zum Mittelstand zählen in Deutschland Unternehmen, die zwischen 20 Mio. Euro und einer Mrd. Euro jährlich umsetzen. Etwa 21000 Firmen sind bundesweit dem Mittelstand zuzuordnen. Das sind zwar nur 1,2 % aller Unternehmen hierzulande. Diese beschäftigen allerdings jeden dritten Arbeitnehmer in Deutschland und erwirtschaften dabei 2,3 Billionen Euro Umsatz jährlich.

Der FC Schalke 04, der Safthersteller Valensina und die saarländische Brauerei Karlsberg haben eines gemeinsam: Sie wagten den Gang an die Börse und nahmen mit der Emission ihrer Mittelstandsanleihen Kapital auf. Insgesamt wurde im vergangenen Jahr bei derlei Emissionen mehr als eine Mrd. Euro an frischem Geld akquiriert. Die große Nachfrage nach Mittelstandsanleihen hat einen einfachen Grund: Der durchschnittlich angebotene Zinssatz der Papiere lag bei 7,2 % jährlich. In Zeiten, da es auf dem Sparbuch oft nicht einmal 0,5 % p.a. an Zinsen gibt und die zehnjährige Bundesanleihe gerade einmal 1 % p.a. abwirft, ist das mehr als attraktiv. Mittelstandsanleihen sind derzeit genauso begehrt wie um das Jahr 2000 die Aktien junger Technologieunternehmen am Neuen Markt. Das traurige Ende dieser Papiere ist bekannt.

Dem Anleger sollte klar sein, dass diese hohen Zinskupons keine Geschenke der Unternehmen sind, sondern Ausdruck der mit dem Kauf von Mittelstandsanleihen verbundenen Risiken. Viele Unternehmen werben beim Gang mit ihren Anleihen an die Mittelstandsbörsen lieber mit anderen Qualitäten als den harten Kennziffern ihrer Gewinn-und-Verlust-Rechnung; sie setzen stattdessen auf die Zugkraft ihres Markennamens. Ob der Suppenhersteller Zamek, der Saftproduzent Valensina oder der Lakritzverkäufer Katjes: Allen gelang es so, ihre Anleihen binnen kürzester Zeit loszuschlagen. Es scheint, dass der bekannte Name eines Unternehmens oft mehr zählt als ein Blick in die Zahlen.

Das große Interesse am Markt für Mittelstandsanleihen ist jedoch ein Warnsignal. Es droht eine neue Blasenbildung wie seinerzeit am Neuen Markt um die Jahrtausendwende. Die Angst vor ähnlichen Übertreibungen ist nicht unberechtigt, da es an den Märkten nach dem Öffnen der Geldschleusen seitens der Zentralbanken massenhaft Liquidität gibt, aber kaum lukrative Anlagemöglichkeiten. Für die Investoren ist es nicht einfach, die Spreu vom Weizen zu trennen, denn das Berichtswesen der Mittelständler ist meist unterentwickelt. Transparenz tut not. Immerhin schlitterten schon einige Emittenten kurz nach der Emission von Mittelstandsanleihen in die Insolvenz.

Für private Anleger sind bei einigen Emissionen auch kostenfreie Zeichnungen direkt am Börsenplatz möglich.

Bei interessanten Börsengängen ist die Nachfrage höher als das Angebot; wer beispielsweise 10.000,00 € zeichnen möchte, erhält lediglich 1.000,00 € zugeteilt oder geht vollkommen leer aus. Auch im Sekundärmarkt ist Vorsicht angebracht. Einige Titel sind nicht liquide, zwischen An- und Verkaufskursen besteht eine große Spanne (Spread). Wer sich über die Entwicklung des gesamten Marktes der Mittelstandsanleihen informieren möchte, kann sich am Microbonds Investment Grade Index, kurz Mibox, orientieren (ISIN: DE000SLA1JG9). Das ist der erste Referenzindex für dieses Segment. Im Internet bietet sich das Portal bondguide.de als Informationsquelle für Mittelstandsanleihen an.

Anleger, die trotz aller Risiken auf Mittelstandsanleihen setzen wollen, sollten wie bei allen Investments immer auf Qualität und dementsprechend auf ein tragfähiges Geschäftskonzept des Unternehmens achten.

Interessenten sollten sich den Geschäftsbericht des Unternehmens genau ansehen. Es sollten darüber hinaus nur Anleihen von Firmen gezeichnet werden, die in der Vergangenheit bereits über mehrere Jahre hinweg stetig Gewinne erzielt haben. Nicht zuletzt sollten Anleger Unternehmen den Vorzug geben, in denen Eigentümerfamilien einen starken Einfluss haben. Denn von Eigentümern geführte Unternehmen sind oft längerfristiger ausgerichtet (und deshalb im Schnitt auch nachhaltig erfolgreicher als börsennotierte Konzerne).

Auch die Fondsbranche hat das neue Segment für sich entdeckt, wenn auch das entsprechende Angebot bisher noch relativ klein ist.

Zu den Fondsangeboten gehören z.B. der WGZ Mittelstand-Rentenfonds (WKN: A1JSWX) und der Johannes Führ Mittelstands-Renten AMI P (WKN: A0YAYG). Diese Fonds bieten automatisch eine Risikostreuung, da das Fondsmanagement das ihm anvertraute Kapital auf mehrere Schuldner verteilt. Der Ausfall eines Unternehmens ist daher eher verschmerzbar. Trotz renditezehrender Nebenkosten wie Ausgabeaufschlag und jährlicher Managementgebühren bleiben Fondslösungen ideal für den Einstieg in den Mittelstandsmarkt. Aufgrund der erst kurzen Existenz dieser Fonds lassen sich noch keine Aussagen über deren Qualität machen.

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