Arbeitslosengeld und Rente: Aussteuerung in die Frührente?

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Rund jeder sechste neue Rentenbezieher war vor dem Ruhestand Bezieher von Arbeitslosengeld I oder II. Ob die Betroffenen freiwillig aus dem Arbeitslosengeld-Bezug in die Rente gewechselt sind, darüber sagen diese Daten nichts aus.

Wichtig für die Betroffenen ist in jedem Fall ein Urteil des Bundessozialgerichts vom 19.8.2015 (Az. B 14 AS 1/15 R). Wer Hartz IV bezieht, den darf das Jobcenter mit 63 in die Frührente schicken – auch wenn es die nur mit erheblichen Abschlägen gibt, entschied das BSG. Doch gilt dies in jedem Fall? Und: Wie sieht die Sache bei der Versicherungsleistung Arbeitslosengeld I aus?

In der Klage ging es um einen im März 1950 geborenen Hartz-IV-Bezieher. Der Betroffene hätte ab dem Monat nach seinem 63. Geburtstag, also ab April 2013, statt Arbeitslosengeld II die Altersrente für langjährig Versicherte bekommen können. Das wollte er aber nicht. Denn dann hätte er Rentenabschläge in Höhe von 8,4 % hinnehmen müssen. Seine Altersrente wäre damit monatlich um 77,67 € gekürzt worden. Statt brutto 924,66 € hätten ihm dann nur noch 846,99 € zugestanden. Brutto wohlgemerkt. Davon wären noch die Beiträge zur Kranken- und Pflegeversicherung abzuziehen. Mit weiterem ALG-II-Bezug wäre ein solches Minus bei der Rente vermieden worden – ein Renten-Plus bringt diese Zeit nicht mehr, weil die Jobcenter für die Betroffenen keine Beiträge mehr an die Rentenversicherung abführen.

Die zu erwartenden Abschläge seien zwar schmerzlich, aber kein Grund, weiterhin Hartz IV statt Rente zu beziehen, befand das zuständige Jobcenter. Da sich der Betroffene weiterhin weigerte, Rente zu beantragen, übernahm das Jobcenter dies für ihn. Dieses kann nämlich in solchen Fällen anstelle eines widerspenstigen Leistungsbeziehers den Rentenantrag stellen. Das ist nach § 5 Abs. 3 SGB II möglich – und im Fall, über den jetzt verhandelt wurde, auch völlig korrekt, befand nun das Bundessozialgericht (BSG).

Die Inanspruchnahme einer vorzeitigen Altersrente sei erforderlich, weil dies zur Beseitigung seiner Hilfebedürftigkeit nach dem SGB II führe. SGB-II-Leistungsbezieher sind danach verpflichtet, eine vorzeitige Altersrente in Anspruch zu nehmen, um eine Hilfebedürftigkeit zu vermeiden. Tun sie dies nicht, kann das Jobcenter die potenziellen Rentner auffordern, die vorzeitige Altersrente zu beantragen und dann den Antrag selbst stellen, wenn diese noch immer nicht mitwirken. Dies hat das BSG nun entschieden.

Besondere Gründe, die gegen den Rentenantrag sprächen, sah das Gericht nicht. Immerhin sei die vorzeitige Altersrente trotz der Abschläge erheblich höher als der Arbeitslosengeld-II-Bedarf des Klägers. Und es sei keinesfalls damit zu rechnen, dass er wegen der Abschläge im Alter auf die Alters-Sozialhilfe, also die Grundsicherung im Alter, angewiesen sein werde.

Bundesagentur für Arbeit: Keine sofortige Aussteuerung

Bis die Rente schließlich bewilligt wird, kann einige Zeit vergehen – gegebenenfalls wird der Rentenantrag von der Deutschen Rentenversicherung sogar abgelehnt (was im just vom BSG entschiedenen Fall auch geschah). In dieser Zeit werden dem Betroffenen – so die Bundesagentur für Arbeit – bei Vorliegen der übrigen Voraussetzungen weiterhin Leistungen nach dem SGB II bewilligt und ausgezahlt. Erst wenn die Rente dann tatsächlich fließe, würden die Betroffenen aus dem ALG II ausgesteuert – und dann würden ggf. die Rente und das für den gleichen Zeitraum gezahlte ALG II miteinander verrechnet.

Meist müssen Bezieher von Arbeitslosengeld II mit 63 Jahren Rente beantragen – wenn sie denn Anspruch hierauf haben. Das ist nach dem jüngsten Urteil des BSG klar. Doch von dieser Regel gibt es zahlreiche Ausnahmen. Die Unbilligkeitsverordnung vom 14.4.2008 dekliniert diese durch:

  • Erwerbstätige: Wer sozialversichert beschäftigt oder selbstständig tätig ist und aufstockendes ALG II erhält, darf mit 63 von den Ämtern nicht auf einen Rentenantrag verwiesen werden. Der zeitliche Umfang der Beschäftigung eines Arbeitnehmers mit aufstockendem ALG II muss dabei mindestens die Hälfte der im Rahmen seiner Leistungsfähigkeit möglichen Arbeitszeit in Anspruch nehmen.

  • Bevorstehende Erwerbstätigkeit: Auch diejenigen, die durch Vorlage eines Arbeitsvertrages oder eine verbindliche Einstellungs-Zusage glaubhaft machen, dass sie in nächster Zukunft eine Erwerbstätigkeit aufnehmen werden, dürfen in der Regel mit 63 nicht aufgefordert werden, Rente zu beantragen.

  • Bezieher von ALG II plus ALG I: Arbeitslosengeld II wird auch gar nicht so selten als Aufstockung eines niedrigen Arbeitslosengeld I gezahlt. Reicht die Versicherungsleistung der Arbeitsagenturen nicht aus, um den Lebensunterhalt zu decken, so besteht häufig – aufstockend – zusätzlich Anspruch auf ALG II. Auch in diesen Fällen besteht keine Pflicht zur Rente.

  • Bevorstehende abschlagfreie Altersrente: Auch diejenigen, die – so die Verordnung – in nächster Zukunft eine Altersrente ohne Abschläge in Anspruch nehmen können, können auch nach dem Erreichen des 63. Lebensjahrs noch ALG II bekommen. Dies soll – so die Fachlichen Hinweise der BA – für diejenigen gelten, die innerhalb der nächsten drei Monate Anspruch auf eine abschlagfreie Altersrente haben.

Hartz-IV-Träger sind durch § 3 Abs. 2a SGB II gehalten, ALG-II-Bezieher ab 58 Jahren unverzüglich in Arbeit oder in eine Arbeitsangelegenheit zu vermitteln. Da es nach wie vor nur wenige normale Arbeitsangebote für ältere Langzeitarbeitslose gibt, kommen als Angebot vorrangig Ein-Euro-Jobs (also Arbeitsgelegenheiten) infrage. Wer die Annahme solcher Jobs grundsätzlich ablehnt, kann aus dem Leistungsbezug ausgesteuert werden – egal ob er bereits Anspruch auf Rente hat oder nicht.

Arbeitslosengeld I – bis zum regulären Rentenalter

Viele ältere Arbeitslose, die vorher langjährig beschäftigt waren, haben Anspruch auf die Versicherungsleistung Arbeitslosengeld I – und zwar meist 24 Monate lang. Hierbei gelten ganz andere Regeln als bei dem Sozialhilfe-ähnlichen Arbeitslosengeld II. Die Betroffenen können diese Leistung bis zum regulären Rentenalter erhalten – maximal 24 Monate lang. § 136 Abs. 2 SGB III regelt, dass ein Anspruch auf ALG I so lange besteht, bis das für die Regelaltersrente erforderliche Lebensalter erreicht ist. Das bedeutet: Mit dem schrittweisen Übergang zur Rente mit 67 wird auch die Altersgrenze der Arbeitslosenversicherung Schritt für Schritt angehoben. Wer z.B. 1952 geboren wurde, kann im Prinzip bis zum Alter von 65 Jahren und sechs Monaten ALG I beziehen.

Diese Wahlfreiheit besteht auch dann, wenn sich ein Arbeitsloser für ein vorgezogenes Altersruhegeld entscheiden könnte – statt ALG I zu beziehen. Ob ein Anspruch auf eine Altersrente besteht, geht die Arbeitsagenturen nichts an. Viele Ältere können sich demnach frei zwischen Arbeitslosengeld I und Rente entscheiden.

Drei wichtige finanzielle Gründe sprechen für eine Entscheidung gegen die vorzeitige Rente und für den weiteren Bezug der Leistungen der Arbeitsagentur.

  • ALG I ist häufig höher als die Rente,

  • jedes Jahr des Arbeitslosengeld-Bezugs erhöht die Rente (ähnlich wie beim Krankengeld) und

  • wer vorzeitig in Rente geht, wird meist durch Rentenabschläge bestraft.

Ältere sollten sich allerdings klarmachen, dass bei der Arbeitsagentur für Jung und Alt die gleichen Regeln gelten. Dies gilt selbst für 64-Jährige, die kurz vor dem regulären Rentenalter stehen. Insbesondere müssen auch Ältere alle zumutbaren Arbeiten annehmen. Und zumutbar ist – z.B. – im Grundsatz auch für eine Bankkauffrau eine Reinigungsarbeit. Denn auch für Arbeitslose gibt es generell keinen Berufs- und Qualifikationsschutz. Zudem müssen sich auch ältere Arbeitslose die Vermittlung in Stellen gefallen lassen, die weit schlechter dotiert sind als diejenige, die sie zuletzt innegehabt haben.

Wer die Versicherungsleistung Arbeitslosengeld I bezieht, den betrifft das BSG-Urteil zur Zwangsverrentung nicht. Wer diese Leistung erhält, kann diese bis zum Erreichen der regulären Altersgrenze für die gesetzliche Rente beziehen – wenn sein Anspruch so lange reicht. Beziehern von Arbeitslosengeld II bleibt allerdings – wenn das Jobcenter sie dazu auffordert – meist nichts anderes übrig, als mit 63 einen Rentenantrag zu stellen. Meist wird es sich dabei um die Altersrente für langjährig Versicherte handeln. Die Betroffenen sollten allerdings prüfen, ob für sie nicht einer der Ausnahmetatbestände zutrifft.

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